News - Neue Gentechnik bei Raps und Leindotter: Risiken für Bestäuber
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Seit vielen Jahren arbeiten die Züchtung daran, die Qualität von Lebens- und Futtermitteln sowie von Rohstoffen für die Bedürfnisse der Industrie zu verbessern. Beispielsweise wird immer häufiger versucht, Eigenschaften wie Ölgehalt und Fettsäurezusammensetzung bei Ölsaaten zu verändern, besonders seit dem Aufkommen der Genschere CRISPR.

Doch der Anbau solcher genomeditierter Raps- und Leindotterpflanzen kann mit unvorhersehbaren Risiken für Bestäuberinsekten wie Bienen einhergehen, wie ein neuer Hintergrundbericht, der eine Auswertung aktueller wissenschaftlicher Publikationen vornimmt, zeigt. Viele Insekten sammeln neben Nektar auch den Pollen von Blütenpflanzen. Werden die Inhaltsstoffe von Pflanzen mit Gentechnik verändert, kann dies jedoch dazu führen, dass sich ihr Pollen für Insekten nicht mehr als Nahrungsgrundlage eignet.

Ein neu vorgelegter Hintergrundbericht der Fachstelle Gentechnik und Umwelt (Deutschland) gibt einen umfassenden Überblick über aktuelle Anwendungen der neuen Gentechnik (NGT) bei Raps und Leindotter, die wichtige Pflanzen für Bestäuber sind. Beide Pflanzen gehören zur Familie der Kreuzblütler und werden als Ölpflanzen angebaut. Schon die konventionelle Zucht von Raps und Leindotter veränderte die Ölqualität in Samen und Pollen. Die neue Gentechnik kann diese Entwicklung erheblich beschleunigen, ausweiten und mögliche Auswirkungen verschärfen.

Die französische NGO Pollinis, die sich für den generellen Schutz von Insektenbestäubern einsetzt, hatte daher bereits im Dezember 2022 im Vorfeld der COP15 in Montreal in einem Aufruf vor den möglichen negativen Folgen des Einsatzes von Biotechnologien in der Umwelt gewarnt. Bestäubende Insekten sind wichtig für die biologische Vielfalt, die Funktionen des Ökosystems und die Steigerung der Erträge. Um den Rückgang der Insektenpopulationen umzukehren, müsse ihnen ein sicherer Lebensraum in Landschaften, in denen Landwirtschaft, Viehzucht und Forstwirtschaft betrieben werden, geboten werden, hatte Pollinis gefordert. Eine umfassende Übersicht dazu hat die SAG in einem ausführlichen Fokusartikel aufgezeigt.

Neue Gentechnik bei Raps und Leindotter

Ein Ziel des Einsatzes der neuen Gentechnik bei Raps und Leindotter ist es, den Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Omega-3 und Omega-6) drastisch abzusenken, da diese Fettsäuren schlecht für die Herstellung von Agrosprit geeignet sind. Doch diese Fettsäuren haben für Insekten wichtige Funktionen, unter anderem beeinflussen sie deren Gehirnfunktionen und Fortpflanzung. Nehmen Insekten zu wenig mehrfach ungesättigte Fettsäuren mit ihrem Futter auf, kann das den Erhalt ihrer Populationen gefährden.
Der Bericht listet rund 50 Publikationen zu NGT-Raps und NGT-Leindotter auf. Bei rund 20 dieser Forschungsprojekte wird die Menge oder die Zusammensetzung des Öls verändert. Oft werden dabei auch Eigenschaften der Samen verändert, was eine unkontrollierte Ausbreitung der Pflanzen fördern kann. Dies ist bei Raps und Leindotter besonders bedenklich, weil sich diese beiden Arten auch leicht mit verwandten Wildpflanzen kreuzen können.

Fehlende Risikoprüfung bei Deregulierung

Oft kann nur nach einer eingehenden Risikoprüfung entschieden werden, welche Eigenschaften tatsächlich neu sind und ggf. mit Risiken verbunden sind. Je mehr Anwendungen hinzukommen, desto schwieriger wird eine seriöse Risikoeinschätzung. Denn es muss nicht eine bestimmte Gentechnikpflanze sein, welche die Probleme verursacht, auch die Gesamtheit der Auswirkungen unterschiedlicher Gentechnikorganismen und ihre Wechselwirkungen können entscheidend sein. Sollten Pflanzen der neuen Gentechnik in der Landwirtschaft eingesetzt werden, ist es deswegen zwingend, sowohl die Risiken der einzelnen Pflanzen als auch ihre Wechselwirkungen zu prüfen, wie es das aktuelle Gentechnikrecht auch vorsieht.

Doch die EU-Kommission plant eine Deregulierung des bestehenden Gentechnikrechts. Die meisten Pflanzen aus neuer Gentechnik müssten dann keiner Risikoprüfung mehr unterzogen werden. Gentechpflanzen würden Pflanzen aus konventioneller Zucht rechtlich gleichgestellt. Die neue Gentechnik würde so zu einem zunehmenden Risiko für Mensch und Umwelt.


Testbiotech Artikel: https://www.testbiotech.org/aktuelles/neue-gentechnik-risiken-fuer-bestaeuber

Gentechfrei Magazin Nr. 124: https://www.gentechfrei.ch/de/themen/neue-gv-verfahren/3340-neue-gentechnikanwendungen-bei-der-schaedlingsbekaempfung-bedrohen-bestaeuberinsekten

Artikel "Neue Gentechnikanwendungen bei der Schädlingsbekämpfung bedrohen Bestäuberinsekten": https://www.gentechfrei.ch/de/10-zeitung/zeitungakt/3442-neue-gentechnik-eine-bedrohung-fuer-bestaeuberinsekten