Neue gentechnische Verfahren

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Modell einer CRISPR/Cas9 Editierung bei Streptococcus pyogenes, Bild: clipdealer

Gegenwärtig wird verstärkt über die kommerzielle Nutzung von neuen gentechnischen Verfahren bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren diskutiert. Dabei handelt es sich um verschiedene Verfahren, wie beispielsweise die ZFN-, TALEN- oder CRISPR/Cas9-Technik, bei denen Gen-Scheren zum Einsatz kommen oder direkte Eingriffe in die Genregulierung vorgenommen werden.

Es bestehen widersprüchliche Rechtsauffassungen, ob diese Methoden in den Geltungsbereich der Gentechnik Gesetzgebung fallen oder nicht. Die Biotech-Industrie fordert, diese Verfahren von der Gentechnikregulierung auszunehmen. Zwei neue Gutachten in Deutschland kommen hingegen zum Schluss, dass diese Techniken unter den Geltungsbereich der EU-Gentechnik Gesetzgebung fallen.

Das Potential zur Veränderung des Erbgutes geht bei den neuen Techniken über das der bisherigen gentechnischen Verfahren hinaus. Die Grenzen der Machbarkeit und der Beeinflussung des Erbmaterials werden deutlich verschoben.

Die neuen gentechnischen Verfahren werden zunehmend auch zur genetischen Veränderung von Modelltieren für die Grundlagenforschung und von Nutztieren eingesetzt. Fachleute rechnen mit einem dramatischen Anstieg der Anzahl Gentech-Tiere.

 


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In den nächsten Wochen wird sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) zur rechtlichen Einstufung neuer gentechnischer Verfahren äussern. Auf dieser Grundlage entscheiden EU- Kommission und die Mitgliedstaaten, ob und wie diese künftig regulieren werden. 21 Organisationen und Stiftungen aus den Bereichen Landwirtschaft, Saatgutinitiativen,  sowie Umwelt- und Konsumentenschutz fordern in einer Resolution an den Deutschen Bundestag und die Europaabgeordneten, dass die neue Gentechnik-Verfahren (CRISPR-Cas, TALEN, ODM etc.) und deren Produkte als Gentechnik reguliert und gekennzeichnet werden müssen.

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Gentechnik reduziert den Pestizidverbrauch nicht. Stattdessen verstärkt sie die Abhängigkeit der Landwirtschaft von wenigen internationalen Agrarkonzernen. Bild: Clipdealer.

Im kommenden Jahr soll über die Regulierung der neuen gentechnischen Verfahren entschieden werden. Die Agrarindustrie verstärkt ihre Lobbyaktivität und wirbt unter dem Vorwand des Umweltschutzes für eine weniger strenge Regulierung. Dies zeigen zwei aktuelle Beispiele.

Im Nationalrat soll am 10.12.2019 über eine parlamentarische Initiative (19.430) abgestimmt werden, die den Einsatz von Pestiziden via Gewässerschutzgesetz verbieten will. Die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie hat die von SP-Nationalrat Beat Jans eingereichte Initiative bereits vorgeprüft und die bestehenden Schutzmassnahmen für ausreichend gehalten. Nun fordert auch die Industriegruppe Agrar, die Pflanzenschutzexperten grosser Agrarunternehmen, u.a. BASF, Bayer und Syngenta Schweiz vereinigt, in einem Brief an die Mitglieder des National- und Ständerates die Ablehnung der Initiative. Der Grund: diese soll innovationshemmend sein und zudem verhindere sie den Einsatz genomeditierter Pflanzen, die als nachhaltigere Alternative zu Pestiziden beworben werden. Unter diesem Vorwand wird versucht, Druck in Richtung Deregulierung der neuen gentechnischen Verfahren auszuüben. Damit soll angeblich verhindert werden, dass die Grundlagenforschung an der strengen Regulierung leidet und letztlich scheitert.

Doch die Einstufung der neuen Gentechnikverfahren im Sinne des EuGH-Urteils vom 25. Juli 2018 als Gentechnik schadet nach der Beurteilung der SAG dem Innovationsprinzip nicht. Die Grundlagenforschung wird dadurch keinesfalls negativ betroffen oder verlangsamt. Stattdessen schafft eine Regulierung unter dem Gentechnikgesetz Klarheit für die Forschenden und stimuliert die Forschung und die Innovation entsprechend den Interessen der Konsumierenden. Diese wünschen eine gründliche Risikobewertung zum Schutz von Mensch und Umwelt vor den potentiellen Risiken dieser neuen Technologien. Die damit ebenfalls vorgeschriebene eindeutige Kennzeichnung sichert die Wahlfreiheit der KonsumentInnen.

Es ist zu betonen, dass das Argument, die Gentechnik reduziere den Pestizidverbrauch, nicht bewiesen ist und eine Behauptung bleibt. In den 30 Jahren des Gentechnikeinsatzes in der Landwirtschaft konnte nach einer anfänglichen Verringerung des Pestizideinsatzes ein plötzlicher Anstieg beobachtet werden. Dies ist durch die industriellen Anbausysteme bedingt, für die Gentech-Pflanzen konzipiert sind. Demgegenüber bieten agrarökologische Ansätze, die auch vom Weltklimarat und der Welternährungsorganisation FAO unterstützt werden, nachweislich effektivere, umweltschonende Lösungen, die keine Abhängigkeiten von grossen Konzernen schaffen.

Diese Sichtweise teilt auch der Bundesrat, der auf dem Vorsorgeprinzip basierend, am 27.11.2019 die von der liberalen Fraktion der FDP eingereichte Motion zur Deregulierung der Genomeditierung (19.4050: «Genomeditierung zugunsten der Umwelt ermöglichen») abgelehnt hat.

 cop144Die Biodiversitätskonvention im November 2018 in Sharm El-Sheikh

An der aktuellen COP14 (Convention on Biological Diversity) in Sharm El Sheik, positionierten sich die Delegertien der Länder Nigeria und Südafrika, zusammen mit vielen anderen, als klare Befürworter von Gene Drives und synthetischer Biologie. Doch ihre Symphatie mit dieser Gentechnik-Methode wiederspiegelt bei weitem nicht die Meinung der afrikanischen Zivilbevölkerung.

S 1 FeuersalamanderDer in seinen Beständen gefährdete Feuersalamander wird durch eine eingeschleppte Pilzkrankheit bedroht. Forschende möchten sein Erbgut mit einem Gene Drive so verändern, dass er immun gegen den Pilz wäre. Bild: Fotolia  

Dank neuer Verfahren haben Forschende ein Werkzeug in der Hand, das schon bald die genetische Manipulation ganzer Populationen von wild lebenden Tieren und Pflanzen ermöglichen könnte.*

Stellen Sie sich vor, für die Bekämpfung der Infektionskrankheit Borreliose würden alle wild lebenden Mäuse in der Schweiz gentechnisch verändert. Würden Sie es gutheissen, dass alle Feu­er­sa­la­mander der Schweiz gentechnisch verändert würden, um sie vor dem Aussterben zu retten?

Zwei Fragen, die auf den ersten Blick unwirklich klingen. Doch ein Blick in die Forschungslabore zeigt, dass wir in Zukunft mit solchen Fragen konfrontiert werden könnten. Forschende haben nämlich eine neue Methode entwickelt, die es auf einfache Art möglich machen könnte, das Erbgut wild lebender Pflanzen und Tiere mit Gentechnik zu manipulieren.

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Die Stiftung TA-SWISS hat am Montag 27. August die Kurzfassung ihrer wissenschaftlichen Studie zu Chancen und Risiken der Genomeditierung (GE) vorgestellt. Sie richtet sich an ein breites Publikum und hält einerseits die wichtigsten Resultate der Studie fest, andererseits auch die Empfehlungen des Leitungsausschusses von TA-SWISS zum Thema. TA-SWISS ist ein Kompetenzzentrum der Akademien der Wissenschaften Schweiz, das sich mit den Vor- und Nachteilen neuer Technologien auseinandersetzt. Die aktuelle Studie wurde von einem interdisziplinären Projektteam unter der Leitung von Dr. Erich Griessler und Alexander Lang vom Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien durchgeführt.