«Junk-DNA» ist wichtig für die Gensteuerung. Eingriffe in diesen Bereich können weitreichende Folgen haben – etwa das Geschlecht von Mäusen verändern. (Bild: Pogrebnoj-Alexandroff / Wikimedia Commons)

Tippfehler in der Black Box: Kleiner Eingriff in die DNA verändert das Geschlecht von Mäusen

For­schen­de der Bar-Ilan Uni­ver­si­ty in Isra­el haben erst­mals gezeigt, wie eine win­zi­ge gen­tech­ni­sche Ände­rung im Erb­gut aus­reicht, um das bio­lo­gi­sche Geschlecht von Mäu­sen kom­plett umzu­keh­ren. Die im Fach­jour­nal Natu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons ver­öf­fent­lich­te Stu­die ver­deut­licht, wie tief­grei­fend die Wir­kung von Ein­grif­fen in bis­lang unter­schätz­te Berei­che des Erb­guts sein kann – und stellt somit zen­tra­le Annah­men über die Sicher­heit neu­er Gen­tech­ni­ken infra­ge.

Die geheim­nis­vol­le «Junk-DNA»

Frü­her glaub­te man, nur die eigent­li­chen Gene sei­en wich­tig – also die DNA-Abschnit­te, die Bau­plä­ne für Pro­te­ine ent­hal­ten. Den Rest nann­te man abwer­tend «Junk-DNA». Heu­te wis­sen wir: Die­ser Bereich funk­tio­niert als ein hoch­kom­ple­xes Betriebs­sy­stem, das steu­ert, wann wel­ches Gen ein- oder aus­ge­schal­tet wird.

Das Team um Nitz­an Gonen nutz­te die Gen­sche­re CRISPR/Cas, um in einem sol­chen Steue­rungs­be­reich genau einen ein­zi­gen DNA-Bau­stein aus­zu­tau­schen – ein an sich mini­ma­ler Ein­griff.

Klei­ner Schal­ter, gros­se Wir­kung

In die­sem Fall wur­de ein gene­ti­scher Schal­ter namens Enh13 mani­pu­liert. Die­ser steu­ert das Gen Sox9, das nor­ma­ler­wei­se für die Ent­wick­lung von Hoden zustän­dig ist. Durch die mini­ma­le Ände­rung wur­de der Schal­ter fehl­ak­ti­viert: Das «Hodengen» wur­de ein­ge­schal­tet, obwohl es bei weib­li­chen Tie­ren stumm blei­ben soll­te. In der Fol­ge ent­wickel­ten gene­tisch weib­li­che Mäu­se männ­li­che Geschlechts­or­ga­ne und funk­ti­ons­fä­hi­ge Hoden.

Die Stu­die beweist, dass es nicht auf die Men­ge der Ver­än­de­run­gen ankommt, son­dern dar­auf, wo sie pas­sie­ren. Nicht nur Gene selbst, son­dern auch ihre Steue­rung kann ent­schei­dend sein. So kann ein ein­zi­ger ver­tausch­ter «DNA-Buch­sta­be» einen gan­zen Ent­wick­lungs­pro­zess auf den Kopf stel­len. Das macht die Vor­her­sa­ge von Risi­ken extrem schwie­rig, da die­se Steue­rungs­netz­wer­ke (regu­la­to­ri­scher DNA) im Kör­per hoch­gra­dig ver­netzt sind.

Poli­tisch bri­sant: Die 20-Ände­run­gen-Regel

Die­se Erkennt­nis­se tref­fen die aktu­el­le Debat­te in der EU im Kern. Dort wird geplant, Pflan­zen aus neu­er Gen­tech­nik deut­lich locke­rer zu regu­lie­ren, solan­ge sie weni­ger als 20 gene­ti­sche Ver­än­de­run­gen auf­wei­sen. Sol­che Pflan­zen sol­len als gleich­wer­tig mit kon­ven­tio­nell gezüch­te­ten Sor­ten gel­ten und kei­ne stren­ge Risi­ko­prü­fung mehr durch­lau­fen müs­sen.

Die Mäu­se-Stu­die stellt die­se pau­scha­le, wis­sen­schaft­lich höchst frag­wür­di­ge Gren­ze ein­mal mehr infra­ge: Wenn bereits eine ein­zi­ge geziel­te Ände­rung das kom­plet­te Geschlecht eines Lebe­we­sens umkeh­ren kann, ist die Annah­me, dass bis zu 20 Ver­än­de­run­gen per se sicher oder «natur­nah» sei­en, ein gefähr­li­cher Blind­flug, der unter ande­rem die enor­me Hebel­wir­kung regu­la­to­ri­scher DNA-Berei­che völ­lig unter­schätzt. Zumal die­se hoch­kom­ple­xen Steue­rungs­re­gio­nen bei der Feh­ler­kon­trol­le neu­er Gen­tech­pflan­zen bis­her kaum syste­ma­tisch unter­sucht wer­den. Dadurch könn­ten weit­rei­chen­de Fehl­ent­wick­lun­gen schlicht unbe­merkt blei­ben.

Die For­schungs­er­geb­nis­se ver­deut­li­chen, wie real die Risi­ken der neu­en Gen­tech­nik sind. Wenn mini­ma­le Ein­grif­fe fun­da­men­ta­le bio­lo­gi­sche Pro­zes­se ver­än­dern kön­nen, ist es wis­sen­schaft­lich kaum halt­bar, sol­che Ver­än­de­run­gen pau­schal als unbe­denk­lich oder «gleich­wer­tig» mit kon­ven­tio­nel­ler Züch­tung zu betrach­ten.

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