Eine aktuelle Studie im Fachjournal Science zeigt, dass neue Gentechnik weitreichende, unbeabsichtigte Auswirkungen auf die Genfunktion haben kann – selbst wenn die DNA nach dem Schnitt mit der Genschere korrekt repariert wurde.
CRISPR/Cas wirkt, indem es DNA-Doppelstrangbrüche erzeugt, die anschliessend von der Zelle repariert werden. Doch die dreidimensionale Organisation der DNA (Chromatin), die entscheidend für die Genaktivität ist, wird nach der Reparatur nicht vollständig wiederhergestellt und bleibt auf Dauer fehlerhaft. Dadurch werden viele Gene falsch ein- oder ausgeschaltet.
Dieser Effekt — vom Forschungsteam als „chromatin fatigue“ bezeichnet – ist eine epigenetische Konsequenz des gentechnischen Eingriffes: Nicht die DNA-Sequenz selbst wird verändert, sondern die Art und Weise, wie Gene genutzt werden. Brisant: Die so entstandenen Veränderungen können an die Tochterzellen vererbt werden, was zu langfristigen Folgen führen kann.
Wird die Struktur der Chromatin-Domäne, in der sich ein Ziel-Gen befindet, durch den gentechnischen Prozess gestört, können bestimmte Gene ungewollt aktiviert oder abgeschaltet werden. Dadurch gehen die häufig betonte Präzision und Vorhersagbarkeit verloren: Selbst, wenn der durch den gentechnischen Eingriff verursachte DNA-Doppelstrangbruch scheinbar erfolgreich repariert wird, bleiben die Ergebnisse des Eingriffes unvorhersehbar.
Weitergabe unbeabsichtigter epigenetischen Veränderungen an Nachfolgen
Verbesserte Präzision oder zielgenauere Werkzeuge können Chromatin fatigue nicht verhindern, da diese erst bei der Reparatur der DNA nach dem von der Genschere verursachten «Schnitt» entsteht. Die Studie zeigt, dass selbst scheinbar präzise Veränderungen viele Gene unvorhersehbar beeinflussen können.
So könnten bei Pflanzen aus neuer Gentechnik etwa Stoffwechselprozesse, Toxin- oder Allergenwerte oder andere Eigenschaften unbeabsichtigt verändert und die Veränderungen über Generationen weitergegeben werden. Bei Tieren könnten Fehlbildungen, Krebs oder andere physiologische Probleme die Folge sein.
Folgen für Regulierung und Sicherheit
Die Ergebnisse stellen aktuelle Pläne zur Deregulierung der Neuen Gentechnik, wie dies in der EU geplant wird, infrage. Auch kleine, gezielte Veränderungen können zahlreiche Gene unbeabsichtigt stören, indem die epigenetische Steuerung der Genfunktion mitverändert wird. Negative Auswirkungen auf Ökologie und Gesundheit sind nicht auszuschliessen. Deshalb sind gründliche molekulare Untersuchungen unerlässlich, bevor solche Produkte auf den Markt kommen: Unter anderen muss überprüft werden, welche Gene aktiv sind (Transkriptom), welche Proteine gebildet werden (Proteom) und welche chemischen Stoffe im Organismus entstehen (Metabolom).
Die Studie unterstreicht, dass die neue Gentechnik Risiken mit sich bringt, die noch nicht genügend erforscht sind. Strenge Risikoprüfungen bleiben daher weiterhin nötig.