Ein neues Trendprodukt, das sich teurer vermarkten lässt. Bild: Zsofia Hock

Neues aus Absurdistan: CRISPR-Tomate duftet nach Butterpopcorn

For­schen­de aus Chi­na und Austra­li­en haben mit­hil­fe neu­er Gen­tech­nik eine Toma­te ent­wickelt, die einen pop­corn­ar­ti­gen Duft ver­strömt. Das Ziel: Attrak­ti­vi­täts­stei­ge­rung für mehr Umsatz. Damit wur­de ein wei­te­res Life­style-Pro­dukt für eine kauf­kräf­ti­ge Ziel­grup­pe geschaf­fen – ohne ech­ten Mehr­wert für die Land­wirt­schaft. Sol­che Stra­te­gien zie­len in erster Linie dar­auf ab, die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz der Gen­tech­no­lo­gie zu för­dern. Zen­tra­le Pro­ble­me der Land­wirt­schaft wie Nach­hal­tig­keit oder Ernäh­rungs­si­cher­heit blei­ben dabei aus­sen vor.

War­um aus­ge­rech­net Pop­corn­duft? Hin­ter dem ver­meint­li­chen Fort­schritt steckt rei­nes Mar­ke­ting. Für die Ent­wick­lung der Toma­te lies­sen sich die For­schen­den von thai­län­di­schem Duft­reis und indi­schem Bas­ma­ti­reis inspi­rie­ren. Bei­den Reis­sor­ten gemein ist ihr an Pop­corn erin­nern­de Duft, der wesent­lich dazu bei­trägt, dass sie deut­lich teu­rer ver­kauft wer­den kön­nen als her­kömm­li­cher Reis. Das­sel­be erhof­fen sich die For­schen­den von der neu­ar­ti­gen Toma­te: Ein neu­es Trend­pro­dukt, das sich teu­rer ver­mark­ten lässt — fol­ge­rich­tig war bereits an den For­schungs­ar­bei­ten war ein chi­ne­si­sches Saat­gut­un­ter­neh­men betei­ligt.

Der bio­tech­no­lo­gi­sche Trick. Der Duft­stoff, der dem Reis sein beson­de­res Aro­ma ver­leiht, heisst 2‑Ace­tyl-1-Pyr­ro­lin (2‑AP) und wird in zahl­rei­chen Pflan­zen – so auch in Toma­ten – gebil­det. War­um rie­chen her­kömm­li­che Toma­ten nicht nach Pop­corn? Ver­ant­wort­lich dafür ist ein Enzym, das die Vor­stu­fe des Duft­stof­fes abbaut und somit den Duft unter­drückt. Den Bau­plan die­ses Enzyms lie­fert das soge­nann­te BAD­H2-Gen. Genau die­ses Gen haben die For­schen­den nun mit­tels CRISPR/Cas aus­ge­schal­tet und zwar gleich dop­pelt, da es in Toma­ten in zwei Vari­an­ten vor­kommt. In der Fol­ge konn­te sich der Duft­stoff in der Pflan­ze, ein­schliess­lich der Früch­te, so stark anrei­chern, dass die­se nach Pop­corn rie­chen.

Toma­ten sind nicht die ersten Pflan­zen, die mit die­sem Ziel ver­än­dert wur­den: Das BAD­H2-Gen stand bereits mehr­fach im Fokus gen­tech­no­lo­gi­scher Ein­grif­fe. So wur­den schon zuvor duf­ten­de Gentechs­o­ja­boh­nen und ‑mais­kör­ner erzeugt. Auch in der Toma­te kommt die­ses Merk­mal natür­lich nicht vor, wie dies eine Unter­su­chung von über 700 Sor­ten bestä­tig­te.

Dere­gu­lie­rung wis­sen­schaft­lich unhalt­bar. Die­ser Fall ver­deut­licht, wie wider­sprüch­lich und wis­sen­schaft­lich unhalt­bar die geplan­te Dere­gu­lie­rung neu­er gen­tech­ni­scher Ver­fah­ren in der EU ist. Nach dem aktu­el­len Ver­ord­nungs­ent­wurf, der sich der­zeit in der Schluss­ab­stim­mung befin­det, wür­den Pflan­zen wie die «Pop­corn-Toma­te» als gleich­wer­tig mit Sor­ten aus klas­si­scher Züch­tung ein­ge­stuft. Der Grund: weni­ger als 20 ver­än­der­te Gen­or­te und kei­ne Ein­fü­gung art­frem­der Gene. Damit ent­fie­le eine umfas­sen­de Risi­ko­prü­fung für Gesund­heit und Umwelt.

Die For­schen­den selbst gewen zwar Ent­war­nung: Der Ein­griff wir­ke sich nicht nach­tei­lig auf die Pflan­ze aus – Wachs­tum, Zucker- und Frucht­säu­re­ge­halt sei­en unver­än­dert. Doch tie­fer­ge­hen­de Unter­su­chun­gen, etwa zu mög­li­chen all­er­ge­nen Wir­kun­gen oder Lang­zeit­fol­gen für das Öko­sy­stem, feh­len bis­lang völ­lig. Vie­le Fol­gen zei­gen sich erst über län­ge­re Zeit­räu­me.

Ein Schlag gegen die Wahl­frei­heit. Soll­te sich die «Pop­corn-Toma­te» in Chi­na durch­set­zen, wäre ihr Weg nach Euro­pa vor­ge­zeich­net. Bereits heu­te wird mehr als ein Drit­tel der welt­wei­ten Toma­ten­ern­te in Chi­na pro­du­ziert. Ein erheb­li­cher Teil davon wird expor­tiert, unter ande­rem nach Euro­pa, wo die Toma­ten bei­spiels­wei­se in Ita­li­en wei­ter­ver­ar­bei­tet und anschlies­send nach Deutsch­land ver­kauft wer­den – oft ohne kla­re Her­kunfts­kenn­zeich­nung. Soll­te die EU die neue Gen­tech­nik wie geplant dere­gu­lie­ren, wäre künf­tig auch nicht mehr ersicht­lich, ob sol­che impor­tier­ten Toma­ten gen­tech­nisch ver­än­dert wur­den. Für die Wahl­frei­heit wäre das ein her­ber Schlag.

 

 

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