Forschende aus China und Australien haben mithilfe neuer Gentechnik eine Tomate entwickelt, die einen popcornartigen Duft verströmt. Das Ziel: Attraktivitätssteigerung für mehr Umsatz. Damit wurde ein weiteres Lifestyle-Produkt für eine kaufkräftige Zielgruppe geschaffen – ohne echten Mehrwert für die Landwirtschaft. Solche Strategien zielen in erster Linie darauf ab, die gesellschaftliche Akzeptanz der Gentechnologie zu fördern. Zentrale Probleme der Landwirtschaft wie Nachhaltigkeit oder Ernährungssicherheit bleiben dabei aussen vor.
Warum ausgerechnet Popcornduft? Hinter dem vermeintlichen Fortschritt steckt reines Marketing. Für die Entwicklung der Tomate liessen sich die Forschenden von thailändischem Duftreis und indischem Basmatireis inspirieren. Beiden Reissorten gemein ist ihr an Popcorn erinnernde Duft, der wesentlich dazu beiträgt, dass sie deutlich teurer verkauft werden können als herkömmlicher Reis. Dasselbe erhoffen sich die Forschenden von der neuartigen Tomate: Ein neues Trendprodukt, das sich teurer vermarkten lässt — folgerichtig war bereits an den Forschungsarbeiten war ein chinesisches Saatgutunternehmen beteiligt.
Der biotechnologische Trick. Der Duftstoff, der dem Reis sein besonderes Aroma verleiht, heisst 2‑Acetyl-1-Pyrrolin (2‑AP) und wird in zahlreichen Pflanzen – so auch in Tomaten – gebildet. Warum riechen herkömmliche Tomaten nicht nach Popcorn? Verantwortlich dafür ist ein Enzym, das die Vorstufe des Duftstoffes abbaut und somit den Duft unterdrückt. Den Bauplan dieses Enzyms liefert das sogenannte BADH2-Gen. Genau dieses Gen haben die Forschenden nun mittels CRISPR/Cas ausgeschaltet und zwar gleich doppelt, da es in Tomaten in zwei Varianten vorkommt. In der Folge konnte sich der Duftstoff in der Pflanze, einschliesslich der Früchte, so stark anreichern, dass diese nach Popcorn riechen.
Tomaten sind nicht die ersten Pflanzen, die mit diesem Ziel verändert wurden: Das BADH2-Gen stand bereits mehrfach im Fokus gentechnologischer Eingriffe. So wurden schon zuvor duftende Gentechsojabohnen und ‑maiskörner erzeugt. Auch in der Tomate kommt dieses Merkmal natürlich nicht vor, wie dies eine Untersuchung von über 700 Sorten bestätigte.
Deregulierung wissenschaftlich unhaltbar. Dieser Fall verdeutlicht, wie widersprüchlich und wissenschaftlich unhaltbar die geplante Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren in der EU ist. Nach dem aktuellen Verordnungsentwurf, der sich derzeit in der Schlussabstimmung befindet, würden Pflanzen wie die «Popcorn-Tomate» als gleichwertig mit Sorten aus klassischer Züchtung eingestuft. Der Grund: weniger als 20 veränderte Genorte und keine Einfügung artfremder Gene. Damit entfiele eine umfassende Risikoprüfung für Gesundheit und Umwelt.
Die Forschenden selbst gewen zwar Entwarnung: Der Eingriff wirke sich nicht nachteilig auf die Pflanze aus – Wachstum, Zucker- und Fruchtsäuregehalt seien unverändert. Doch tiefergehende Untersuchungen, etwa zu möglichen allergenen Wirkungen oder Langzeitfolgen für das Ökosystem, fehlen bislang völlig. Viele Folgen zeigen sich erst über längere Zeiträume.
Ein Schlag gegen die Wahlfreiheit. Sollte sich die «Popcorn-Tomate» in China durchsetzen, wäre ihr Weg nach Europa vorgezeichnet. Bereits heute wird mehr als ein Drittel der weltweiten Tomatenernte in China produziert. Ein erheblicher Teil davon wird exportiert, unter anderem nach Europa, wo die Tomaten beispielsweise in Italien weiterverarbeitet und anschliessend nach Deutschland verkauft werden – oft ohne klare Herkunftskennzeichnung. Sollte die EU die neue Gentechnik wie geplant deregulieren, wäre künftig auch nicht mehr ersichtlich, ob solche importierten Tomaten gentechnisch verändert wurden. Für die Wahlfreiheit wäre das ein herber Schlag.