Einmal in die Umwelt freigesetzt, kennt Gentechnik keine Grenzen. Immer wieder gibt es Fälle, in denen sich gentechnisch eingebrachte Gene ungewollt in der Natur verbreiten. In Mexiko wurden nun gentechnisch eingebrachte Fremdgene in grossen Teilen der dort wild wachsenden Baumwollpopulationen nachgewiesen. Dies droht das wertvolle Reservoir genetischer Vielfalt für die zukünftige Züchtung weiter zu verkleinern. Zudem wurden Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem beobachtet. Eine Risikoprüfung, die auch mögliche Langzeitfolgen berücksichtigt, ist daher unabdingbar.
Wilde Baumwolle gilt als Vorfahrin von rund 90 Prozent der weltweit angebauten Baumwolle. Ihre Populationen sind genetisch vielfältig und stellen somit ein wichtiges Reservoir für die Züchtung künftiger Sorten dar. Doch wie die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung natürlich vorkommender Bestände auf der mexikanischer Halbinsel Yucatán zeigen, ist diese Vielfalt nun auch durch die Gentechnik gefährdet. Die im Juni auf dem Portal ScienceDirect veröffentlichten Studienergebnisse zeigen, dass ein grosser Teil dieser natürlichen Populationen bereits Gene aus gentechnisch veränderter Baumwolle aufweist – obwohl in Yucatán nie Gentechbaumwolle angebaut wurde.
In 47 Prozent der untersuchten 72 Pflanzen wurde transgenes Erbgut aus Gentechbaumwolle gefunden. Darunter waren Gene, die den Pflanzen eine Resistenz gegen das meistversprühte Herbizid Glyphosat verleihen, sowie solche, die sie zur Produktion insektengiftiger Bt-Toxine befähigen. Beide Eigenschaften kamen auch kombiniert vor.
Auswirkungen auf Insekten
Neben der Einengung der natürlich vorkommenden genetischen Vielfalt kann die Verbreitung solcher gentechnisch eingebrachten Eigenschaften schwerwiegende Auswirkungen auf Ökosysteme haben. So zeigten Untersuchungen des mexikanischen Forschungsteams, dass Ameisenarten, die üblicherweise auf wilden Baumwollpflanzen vorkommen, transgene Pflanzen mieden. Auf diesen Pflanzen wurden nicht nur weniger Ameisenarten gefunden, auch die Anzahl der Individuen innerhalb der einzelnen Ameisenarten war geringer.
Das mag zunächst unbedeutend wirken. Doch Ameisen erfüllen wichtige ökologische Funktionen: Sie helfen der Pflanze bei der Abwehr von Schädlingen und bei der Verbreitung ihrer Samen. Die gentechnisch eingebrachten Gene könnten zudem zahlreiche weitere Auswirkungen auf Organismen innerhalb desselben Ökosystems haben. In der aktuellen Studie wurde dies zwar nicht untersucht, frühere Forschungen zeigen jedoch, dass sich beispielsweise die Darmflora von Insekten verändern kann, wenn sie an insektengiftigen Pflanzen saugen. Das Problem: Solche Folgen treten oft erst nach längerer Zeit zutage, und werden häufig erst erkannt, wenn sie kaum noch rückgängig zu machen sind.
Verbreitung unkontrollierbar– Vorsorgeprinzip walten lassen
Samen oder Pollen lassen sich kaum räumlich begrenzen. Die Forschenden vermuten, dass keimfähiges Saatgut durch Vögel eingeschleppt wurde oder dass als Viehfutter verwendete Samen von Tieren noch keimfähig ausgeschieden wurden.
Neu ist die Problematik nicht: Bereits 2011 wurden erstmals wilde Baumwollpflanzen mit gentechnischen Veränderungen nachgewiesen. Auch bei anderen Arten wie Raps oder Rübsen ist die ungewollte Weitergabe gentechnischer Eigenschaften bekannt, ebenso wie mögliche Auswirkungen auf die Umwelt.
Umso wichtiger ist es, am Vorsorgeprinzip festzuhalten und gentechnisch veränderte Pflanzen – auch solche aus neuer Gentechnik – einer gründlichen Risikoprüfung zu unterziehen. Nur so lassen sich mögliche Langzeitfolgen für Ökosysteme frühzeitig erkennen und vermeiden. Gerade in Zeiten der Klimakrise ist es problematisch, die genetische Vielfalt – eine wichtige Grundlage für die Züchtung anpassungsfähiger Sorten und damit auch für die Ernährungssicherheit – zusätzlich zu gefährden.
Auch das mexikanische Forschungsteam kommt zum Schluss, dass die Rahmenbedingungen für die Biosicherheit und für die Bewertung möglicher Umweltschäden dringend aktualisiert werden müssen. Potenzielle ökologische und evolutionäre Folgen für Wildpopulationen müssten genauer untersucht werden – etwa die Auswirkungen gentechnisch eingebrachter Eigenschaften auf Nichtzielorganismen oder Veränderungen der genetischen Dynamik innerhalb der Populationen.
Schweiz: Risikoprüfung statt Deregulierung!
In der Schweiz will der Bundesrat Pflanzen aus neuen gentechnischen Verfahren in einem «Spezialgesetz» deregulieren. Angesichts der kleinräumig strukturierten Schweizer Landwirtschaft könnte eine solche Deregulierung schnell schwerwiegende Folgen für natürliche Ökosysteme haben.
Wir appellieren deshalb an den Bundesrat, alle gentechnisch veränderten Pflanzen einer umfassenden Risikoprüfung zu unterziehen und dabei auch mögliche langfristige Auswirkungen auf Ökosysteme und die genetische Vielfalt zu berücksichtigen.