(Bild: Muffet / Wikimedia Commons)

For­schen­de in Chi­na ver­än­der­ten Toma­ten­blü­ten so, dass sie durch Robo­ter bestäubt wer­den kön­nen. Klingt futu­ri­stisch, ist aber kein Ein­zel­fall. Denn Blü­ten ste­hen ver­mehrt im Visier der Gen­tech­nik. Sei es Blü­ten­bau oder Blüh­zeit­punkt, Ein­grif­fe in die Grund­la­gen der Fort­pflan­zung kön­nen Öko­sy­ste­me in ihrer Gesamt­heit gefähr­den.

Toma­ten bestäu­ben sich nor­ma­ler­wei­se selbst: Pol­len fal­len inner­halb der­sel­ben Blü­te auf die Nar­be – das weib­li­che Geschlechts­or­gan – und schon ent­ste­hen Früch­te. Genau die­se Eigen­schaft erschwert jedoch die Züch­tung von Hybrid­saat­gut, bei dem Pol­len gezielt von einer Pflan­zen­li­nie auf eine ande­re über­tra­gen wer­den müs­sen.

Um die­ses Hin­der­nis umzu­ge­hen, set­zen For­schen­de neu­lich auf Gen­tech­nik. Sie ver­än­dern den Auf­bau von Toma­ten­blü­ten, sodass sie von Robo­tern bestäubt wer­den kön­nen. Denn so kann Hybrid­saat­gut auto­ma­ti­siert und gün­sti­ger her­ge­stellt wer­den – ohne mensch­li­che Hand­ar­beit.

Bei den mani­pu­lier­ten Pflan­zen ragt die Nar­be deut­lich aus der Blü­te her­aus, wäh­rend die eige­nen Pol­len ste­ril sind. Selbst­be­fruch­tung ist damit aus­ge­schlos­sen. Statt­des­sen brin­gen spe­zi­ell trai­nier­te Robo­ter den Pol­len ande­rer Toma­ten­sor­ten gezielt auf die frei­lie­gen­de Nar­be auf.

Blü­te als Ziel­schei­be der neu­en Gen­tech­nik

Nicht jedes Bei­spiel ist so spek­ta­ku­lär – und doch gibt es bereits einen brei­te­ren Trend der gen­tech­ni­schen Ver­än­de­rung von Blü­ten. Laut einem Test­bio­tech-Bericht exi­stie­ren inzwi­schen mehr als 100 Anwen­dun­gen der soge­nann­ten neu­en Gen­tech­nik (NGT), die direkt in die Blü­ten­ent­wick­lung von Pflan­zen ein­grei­fen. For­schen­de haben bereits zahl­rei­che Pflan­zen­ar­ten ent­spre­chend mani­pu­liert, dar­un­ter Acker­schmal­wand, Alpen­kres­se, Bor­sten­hir­se, Glocken­blu­men, Leind­ot­ter, Luzer­ne, Pap­peln, Raps, Reis und Sorg­hum. Bei man­chen Arten wur­de der Blüh­zeit­punkt ver­scho­ben. Pap­peln etwa wur­den so ver­än­dert, dass sie bereits nach weni­gen Mona­ten blü­hen – statt wie üblich erst nach etwa sie­ben Jah­ren. Bei ande­ren Pflan­zen wur­den Form, Far­be oder Duft der Blü­ten ver­än­dert.

Öko­sy­ste­me in Gefahr

Für Öko­sy­ste­me erge­ben sich dar­aus gros­se Pro­ble­me. Denn Blü­ten sind der zen­tra­le Ort der Fort­pflan­zung. Ver­än­de­run­gen mit Werk­zeu­gen wie CRISPR/Cas an Form, Auf­bau oder Blüh­zeit­punkt kön­nen durch Kreu­zung an ver­wand­te Arten und somit an natür­li­che Popu­la­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wer­den – oft sogar ver­ein­facht. Die Risi­ken sind erheb­lich: Ein­grif­fe in Blü­ten­struk­tur oder Blüh­zeit­punkt kön­nen öko­lo­gi­sche Wech­sel­wir­kun­gen ver­än­dern. So könn­ten Bestäu­ber bei ver­scho­be­nem Blü­ten­zeit­punkt zur fal­schen Zeit unter­wegs sein und kei­ne Nah­rung fin­den. Umge­kehrt kann eine gerin­ge­re Bestäu­bung auch die Fort­pflan­zung der Pflan­zen beein­träch­ti­gen. Auch Ver­än­de­run­gen in der Zusam­men­set­zung oder Qua­li­tät von Pol­len könn­ten Insek­ten scha­den, die dar­auf als Nah­rungs­quel­le ange­wie­sen sind. Durch Aus­kreu­zung kön­nen zudem neue, uner­wünsch­te Eigen­schaf­ten ent­ste­hen, deren Fol­gen kaum vor­her­seh­bar sind – so kön­nen sich man­che Pflan­zen – etwa der Acker­schmal­wand, die For­schen­den als wich­tig­ste Modell­pflan­ze dient – etwa zu pro­ble­ma­ti­schen Unkräu­tern ent­wickeln.

Neu­ar­ti­ge Risi­ken dür­fen nicht igno­riert wer­den

Die EU will die mei­sten Pflan­zen aus neu­er Gen­tech­nik als gleich­wer­tig mit sol­chen aus kon­ven­tio­nel­ler Züch­tung behan­deln. Ver­än­de­run­gen an Blü­ten sind zwar auch mit her­kömm­li­cher Züch­tung mög­lich. Die neue Gen­tech­nik ermög­licht jedoch eine Viel­zahl an Gen­va­ri­an­ten, die mit klas­si­schen Metho­den nicht erreich­bar wären.

Künst­li­che Intel­li­genz beschleu­nigt die­sen Pro­zess, zeigt Test­bio­tech. Sie kann näm­lich dazu ein­ge­setzt wer­den, Gen­tech­pflan­zen zu desi­gnen, die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Schwel­len­wer­te nicht über­schrei­ten und trotz­dem Eigen­schaf­ten auf­wei­sen, die neu für die Umwelt sind. Das Resul­tat: Sol­che Pflan­zen dürf­ten, auch wenn sie erheb­li­che Risi­ken auf­wei­sen, ohne Umwelt­ri­si­ko­prü­fung ver­mark­tet und in die Umwelt ent­las­sen wer­den.

Trotz­dem igno­riert die Euro­päi­sche Lebens­mit­tel­be­hör­de EFSA mög­li­che neu­ar­ti­ge Risi­ken wie­der­holt – zuletzt in einer Stel­lung­nah­me im Febru­ar. Test­bio­tech reagiert mit einem Bericht und warnt vor schwer­wie­gen­den Fol­gen für Umwelt und Natur.

Pflan­zen, die völ­lig neu für die Umwelt sind, wie die robo­ter­be­stäub­te Toma­te, dür­fen nicht ohne (Umwelt-)Risikobewertung oder Sicher­heits­auf­la­gen auf den Markt kom­men. Die Schweiz muss sich für eine stren­ge Risi­ko­prü­fung ein­set­zen – zum Schutz der Öko­sy­ste­me.

Aktuelle Beiträge zum Thema

Alter Wein in neuen Schläuchen – Agroscope will cisgene Kartoffeln freisetzen

Medienmitteilung: Lebensmittelschutz-Initiative eingereicht

Bericht: Dialog zur Koexistenz mit neuer Gentechnik in der Landwirtschaft

Neue Gentechnik stört die Organisation der DNA dauerhaft

Ich mach mit:

Saatgut und Lebensmittel aus neuer Gentechnik könnten bald ohne Kennzeichnung und Risikoprüfung verkauft werden. Was halten Sie davon?

Damit wir wissen, was auf unseren Tellern landet, sammeln wir Stimmen aus der Praxis.

So geht's:

  1. Laden Sie den passenden Fragebogen herunter.
  2. Beantworten Sie 1-3 Fragen.
  3. Senden Sie uns Ihre Antworten, den Namen Ihres Betriebs und ein hochauflösendes Foto per Email an info@gentechfrei.ch.

 

Kurzumfrage für Akteur:innen aus den Bereichen:

 

Alternativ können Sie die Fragen als Word-Dokument anfordern: info@gentechfrei.ch.


Wir veröffentlichen Ihre Einsendung auf unserer Kampagnenseite und teilen sie in den sozialen Medien. Helfen Sie uns, Transparenz, Wahlfreiheit und Nachhaltigkeit zu sichern! Danke für Ihre Unterstützung.

Fragen?
E-Mail an info@gentechfrei.ch oder 044 262 25 76.

Veranstaltung:

Zürich isst! Sichern Sie sich Ihr Ticket für unsere Filmvorführungen mit anschliessenden Podien!

Im September 2015 steht ganz Zürich im Zeichen von Ernährung, Umwelt und Genuss. «Zürich isst» bietet der Bevölkerung mit vielfältigen Veranstaltungen die Gelegenheit, sich mit Fragen einer nachhaltigen Ernährung auseinanderzusetzen. Zum Programm: www.zuerich-isst.ch. DIE ZUKUNFT PFLANZEN – BIO FÜR 9 MILLIARDEN       
23. September 2015, 18 bis 21.30, Riffraff Kino Zürich