Forschende in China veränderten Tomatenblüten so, dass sie durch Roboter bestäubt werden können. Klingt futuristisch, ist aber kein Einzelfall. Denn Blüten stehen vermehrt im Visier der Gentechnik. Sei es Blütenbau oder Blühzeitpunkt, Eingriffe in die Grundlagen der Fortpflanzung können Ökosysteme in ihrer Gesamtheit gefährden.
Tomaten bestäuben sich normalerweise selbst: Pollen fallen innerhalb derselben Blüte auf die Narbe – das weibliche Geschlechtsorgan – und schon entstehen Früchte. Genau diese Eigenschaft erschwert jedoch die Züchtung von Hybridsaatgut, bei dem Pollen gezielt von einer Pflanzenlinie auf eine andere übertragen werden müssen.
Um dieses Hindernis umzugehen, setzen Forschende neulich auf Gentechnik. Sie verändern den Aufbau von Tomatenblüten, sodass sie von Robotern bestäubt werden können. Denn so kann Hybridsaatgut automatisiert und günstiger hergestellt werden – ohne menschliche Handarbeit.
Bei den manipulierten Pflanzen ragt die Narbe deutlich aus der Blüte heraus, während die eigenen Pollen steril sind. Selbstbefruchtung ist damit ausgeschlossen. Stattdessen bringen speziell trainierte Roboter den Pollen anderer Tomatensorten gezielt auf die freiliegende Narbe auf.
Blüte als Zielscheibe der neuen Gentechnik
Nicht jedes Beispiel ist so spektakulär – und doch gibt es bereits einen breiteren Trend der gentechnischen Veränderung von Blüten. Laut einem Testbiotech-Bericht existieren inzwischen mehr als 100 Anwendungen der sogenannten neuen Gentechnik (NGT), die direkt in die Blütenentwicklung von Pflanzen eingreifen. Forschende haben bereits zahlreiche Pflanzenarten entsprechend manipuliert, darunter Ackerschmalwand, Alpenkresse, Borstenhirse, Glockenblumen, Leindotter, Luzerne, Pappeln, Raps, Reis und Sorghum. Bei manchen Arten wurde der Blühzeitpunkt verschoben. Pappeln etwa wurden so verändert, dass sie bereits nach wenigen Monaten blühen – statt wie üblich erst nach etwa sieben Jahren. Bei anderen Pflanzen wurden Form, Farbe oder Duft der Blüten verändert.
Ökosysteme in Gefahr
Für Ökosysteme ergeben sich daraus grosse Probleme. Denn Blüten sind der zentrale Ort der Fortpflanzung. Veränderungen mit Werkzeugen wie CRISPR/Cas an Form, Aufbau oder Blühzeitpunkt können durch Kreuzung an verwandte Arten und somit an natürliche Populationen weitergegeben werden – oft sogar vereinfacht. Die Risiken sind erheblich: Eingriffe in Blütenstruktur oder Blühzeitpunkt können ökologische Wechselwirkungen verändern. So könnten Bestäuber bei verschobenem Blütenzeitpunkt zur falschen Zeit unterwegs sein und keine Nahrung finden. Umgekehrt kann eine geringere Bestäubung auch die Fortpflanzung der Pflanzen beeinträchtigen. Auch Veränderungen in der Zusammensetzung oder Qualität von Pollen könnten Insekten schaden, die darauf als Nahrungsquelle angewiesen sind. Durch Auskreuzung können zudem neue, unerwünschte Eigenschaften entstehen, deren Folgen kaum vorhersehbar sind – so können sich manche Pflanzen – etwa der Ackerschmalwand, die Forschenden als wichtigste Modellpflanze dient – etwa zu problematischen Unkräutern entwickeln.
Neuartige Risiken dürfen nicht ignoriert werden
Die EU will die meisten Pflanzen aus neuer Gentechnik als gleichwertig mit solchen aus konventioneller Züchtung behandeln. Veränderungen an Blüten sind zwar auch mit herkömmlicher Züchtung möglich. Die neue Gentechnik ermöglicht jedoch eine Vielzahl an Genvarianten, die mit klassischen Methoden nicht erreichbar wären.
Künstliche Intelligenz beschleunigt diesen Prozess, zeigt Testbiotech. Sie kann nämlich dazu eingesetzt werden, Gentechpflanzen zu designen, die gesetzlich vorgeschriebene Schwellenwerte nicht überschreiten und trotzdem Eigenschaften aufweisen, die neu für die Umwelt sind. Das Resultat: Solche Pflanzen dürften, auch wenn sie erhebliche Risiken aufweisen, ohne Umweltrisikoprüfung vermarktet und in die Umwelt entlassen werden.
Trotzdem ignoriert die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA mögliche neuartige Risiken wiederholt – zuletzt in einer Stellungnahme im Februar. Testbiotech reagiert mit einem Bericht und warnt vor schwerwiegenden Folgen für Umwelt und Natur.
Pflanzen, die völlig neu für die Umwelt sind, wie die roboterbestäubte Tomate, dürfen nicht ohne (Umwelt-)Risikobewertung oder Sicherheitsauflagen auf den Markt kommen. Die Schweiz muss sich für eine strenge Risikoprüfung einsetzen – zum Schutz der Ökosysteme.