Umweltrisiken gentechnisch veränderter Pflanzen dürfen nicht unterschätzt werden. Dies zeigen mehrere aktuelle wissenschaftliche Publikationen. Insbesondere Kreuzungen mit Wildarten führen dazu, dass sich gentechnische Veränderungen über Generationen hinweg verbreiten und sogar zu Fitnessvorteilen führen können. Bis solche Auswirkungen sichtbar werden, kann es länger dauern. Deshalb ist eine umfassende Umweltrisikoprüfung weiterhin unverzichtbar.
Gentechnische Veränderungen verhalten sich im Feld nicht kontrolliert. Über Generationen können sie sich in komplexer Weise mit Wildpopulationen vermischen und sich dort langfristig etablieren. Mehrere neue Studien zeigen unabhängig voneinander, dass Kreuzungen zwischen gentechnisch veränderten Kulturpflanzen und wilden Verwandten zu unerwarteten Eigenschaften und sogar zu führen können – mit potenziell gravierenden Folgen für Ökosysteme.
Reis: Auskreuzung nicht kontrollierbar – Fitnessvorteile in Folgegenerationen
Eine aktuelle Studie chinesischer Forschenden zeigt erstmals über mehrere Generationen hinweg, dass sich Fremdgene in Wildreis stabil einkreuzen und dabei deutliche Fitnessvorteile vermitteln können. Die untersuchten Fremdgene verleihen dem Kulturreis eine Toleranz gegen das umstrittene Unkrautvertilgungsmittel Glyphosat. Hybride der dritten bis fünften Generation zeigten unter anderem eine grössere Pflanzenhöhe, mehr Rispen sowie eine höhere Anzahl an Körnern.
Diese neuen Fitnessvorteile wurden durch die grundlegenden Stoffwechselveränderungen der Pflanzen ausgelöst. Denn das eingeführte Gen, welche für die Glyphosattoleranz verantwortlich ist, kann die biochemischen Prozesse in der Pflanze beeinflussen und dadurch Wachstumsvorteile auslösen. Das Ergebnis: Die transgenen Eigenschaften können sich in Wildpopulationen nicht nur halten, sondern sogar verbreiten.
Soja – Anpassung an Wildpflanzen verstärkt Ausbreitung
Eine weitere Studie mit glyphosattoleranter Gentechsoja bestätigt diese Problematik. Auch hier blieb die Herbizidresistenz über mehrere Generationen stabil erhalten, selbst wenn kein Glyphosat mehr eingesetzt wurde. Zudem traten Hybride mit deutlichen Fitnessvorteilen auf.
Besonders kritisch ist dabei die Wechselwirkung mit den biologischen Eigenschaften der Wildsoja, die einen rankenden Wuchs aufweist. Einige Nachkommen, die das Fremdgen in sich trugen, entwickelten im Verlauf mehrere Generationen Wuchsformen, die zunehmend den Wildpflanzen ähnelten. Damit steigt das Risiko, dass solche Pflanzen in die Umwelt entkommen und sich schneller in natürlichen Populationen verbreiten. Solche Pflanzen können ökologische Gleichgewichte stören und Wildpopulationen langfristig verdrängen, so die Autor:innen.
Rübsen/Raps: Unkontrollierte Ausbreitung trotz Anbauverbot
Eine dritte Studie zeigt die reale Dimension der Problematik anhand von herbizidtolerantem Rübsen in Argentinien. Rübsen ist eng mit Raps verwandt und kommt sowohl als Kulturpflanze als auch als Unkraut vor. Die beiden Arten können sich miteinander kreuzen. Obwohl weltweit kein gentechnisch veränderter Rübsen zugelassen ist, wurden in Argentinien transgene Rübsenpflanzen in grossem Umfang nachgewiesen – inzwischen auf rund einer Million Hektar.
Auch Gentechraps ist dort seit 1997 verboten. Trotzdem wurden 2012 nicht zugelassene gentechnisch veränderte Rapspflanzen entdeckt – offenbar aus illegalem Anbau. Dieser hat zur Ausbreitung der transgenen Eigenschaft und zur Auskreuzung in den verwandten Rübsen geführt. Die weit verbreitete Anwendung von Glyphosat könnte diesen Prozess zusätzlich begünstigt haben.
Auch in Kanada wurden vergleichbare Auskreuzungen zwischen Gentechraps und Wildverwandten dokumentiert.
Ökologische Risiken zeigen sich erst (zu) spät – Vorsorge ist ein Muss
Alle drei Studien verdeutlichen ein gemeinsames Muster: Die ökologischen Folgen gentechnischer Veränderungen zeigen sich oft erst nach vielen Generationen und unter realen Umweltbedingungen. Kreuzungen mit Wildarten können dabei zu neuen Eigenschaften führen, die weder vorhersehbar noch reversibel sind. Vor den Gefahren der unkontrollierten Ausbreitung warnen auch europäische Expert:innen – darunter ein ehemaliges Mitglied des Gentechnik-Panels der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA, die sich bisher nicht für eine strenge Risikoprüfung von Pflanzen aus NGT ausgesprochen hat. Sie fordern, dass vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen auch Konsequenzen für den Umgang mit Pflanzen aus neuer Gentechnik (NGT) gezogen werden.
Die aktuellen Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung einer umfassenden und langfristigen Umweltrisikoprüfung für alle Gentechpflanzen – insbesondere auch im Bereich der neuen Gentechnik (NGT). Dafür setzt sich auch die SAG ein. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Ökosysteme der Bedrohung durch die neue Gentechnik ausgesetzt werden – das Vorsorgeprinzip muss umgesetzt werden.