Nach der weitgehenden Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren (NGT) bei Pflanzen rücken nun auch gentechnisch veränderte Tiere in den Fokus der EU-Politik. Zwar hat die Europäische Kommission bislang noch keinen konkreten Gesetzesvorschlag vorgelegt, doch die Weichen scheinen gestellt: Branchenverbände der Tierzucht fordern seit Monaten, die für Pflanzen eingeschlagene Deregulierung auch auf Tiere auszuweiten. Hinweise aus Brüssel deuten darauf hin, dass entsprechende Pläne im Rahmen des angekündigten Biotech Act II vorbereitet werden. Widerstand formiert sich bereits, insbesondere unter Umwelt‑, Tierschutz- und Landwirtschaftsorganisationen. Auch in der Schweiz wird von der Industrie Druck gemacht.
EU-Deregulierung droht auch bei Tieren
Besonders viel Druck macht der europäische Dachverband der Rinder- und Schweinezüchter (EFFAB). Ihr Hauptargument: Neue genomische Verfahren könnten die Tierzucht nachhaltig machen und an den Klimawandel anpassen. Vorarbeit hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geleistet. Mit ihrer Einschätzung, NGT würden keine neuen Risiken für Mensch, Tier oder Umwelt mit sich bringen, ebnet sie den Weg zu einer möglichen Deregulierung. Ein konkreter Zeitplan ist zwar noch nicht bekannt, doch die ersten politischen Schritte könnten bereits im Herbst 2026 folgen – dabei ist klar, wohin die Diskussion führt: Statt die Ursachen von Problemen in der Nutztierhaltung anzugehen, soll die Gentechnik die Tiere an bestehende Produktionssysteme anpassen. So äussert die Europäische Kommission in einem am 7. Juli veröffentlichten Strategiepapier die Hoffnung, dass NGT bei Tieren zu einer „Win-Win-Situation für Wirtschaft und Umwelt“ führen würden.
Umwelt‑, Tier- und Landwirtschaftsorganisationen schlagen Alarm
Anfang Juli haben 42 Organisationen aus ganz Europa einen offenen Brief an die Europäische Kommission gerichtet. Zu den Unterzeichnenden gehören auch Naturschutzorganisationen, Bio- und Bauernverbände sowie Organisationen aus den Bereichen Ernährung, Imkerei und Agrarpolitik. Mit dabei sind unter anderem IFOAM Organics Europe, Greenpeace Europe, Eurogroup for Animals, Friends of the Earth Europe und Slow Food.
Die Organisationen appellieren an die EU-Kommission, die Fehler der Deregulierung von NGT-Pflanzen nicht auf gentechnisch veränderte Tiere zu übertragen.
Mehr Leistung statt mehr Tierwohl? Gentechnik ersetzt keine tiergerechte Haltung
Der wichtigste Kritikpunkt im Brief: Gentechnische Eingriffe bei Nutztieren zielen in den meisten Fällen auf eine weitere Steigerung der Produktivität ab – etwa schnelleres Wachstum und höhere Leistungen. Darunter leidet das Tierwohl. Die Folgen jahrzehntelanger Hochleistungszucht seien bereits heute offensichtlich: Gesundheitsprobleme, Stoffwechselstörungen und andere Beeinträchtigungen des Tierwohls. Neue gentechnische Verfahren würden diese Entwicklung eher beschleunigen als lösen.
Zudem dürfe die neue Gentechnik nicht dazu verwendet werden, Tiere an die ungeeigneten Haltungsbedingungen der Intensivproduktion anzupassen, so die Unterzeichnenden. Hornlose Gentechrinder oder schwanzlose Gentechschweine beseitigen die Ursachen vieler Tierwohlprobleme nicht. Hier braucht es einen Systemwechsel: Statt Tiere an mangelhafte Haltungssysteme anzupassen, müssten die Haltungsbedingungen selbst verbessert werden.
Keine Aufweichung der Gentechnikregelung bei Tieren!
Zudem verweisen die Organisationen auf die Risiken, die aus dem Entwicklungsprozess gentechnisch veränderter Tiere hervorgehen. Hier werden häufig umstrittene Technologien wie etwa das Klonen verwendet – eine sehr ineffiziente Technologie, die viel Tierleid verursacht und mit einer hohen Zahl an fehlgeschlagenen Versuchen verbunden ist.
In ihrem Brief fordern die Organisationen die EU-Kommission deshalb auf, das bestehende Gentechnikrecht für Tiere nicht aufzuweichen. Insbesondere sollen alle gentechnisch veränderten Tiere weiterhin einer umfassenden Risikoprüfung unterliegen und ihre Produkte rückverfolgbar und kennzeichnungspflichtig bleiben. Zudem verlangen sie, dass Zivilgesellschaft und unabhängige Expertinnen und Experten in die weiteren Gesetzgebungsverfahren einbezogen werden.
EP-Abgeordnete besorgt – auch die Schweiz sollte die Entwicklungen im Blick behalten
Ein ermutigendes Signal kam bereits Ende Juni aus dem Europäischen Parlament. 26 Abgeordnete verschiedener Fraktionen – darunter Grüne, die Linke und Sozialdemokraten sowie einzelne Mitglieder der EVP und Renew – warnten die Europäische Kommission davor, die bei NGT-Pflanzen beschlossene Deregulierung auf Tiere auszuweiten. Auch sie befürchten, dass gentechnische Verfahren vor allem dazu genutzt würden, Tiere noch stärker auf maximale Produktionsleistung und intensive Haltung auszurichten – zulasten ihres Wohlergehens.
Auch die Schweiz sollte die Entwicklungen in der EU aufmerksam verfolgen. Es ist davon auszugehen, dass sie die politische Diskussion über neue gentechnische Verfahren auch hierzulande beeinflussen werden – und zwar nicht nur bei Pflanzen, sondern ebenso bei Tieren. Welche Forschungs- und Entwicklungsziele derzeit verfolgt werden und welche Risiken damit verbunden sind, zeigt die Tierstudie der SAG. Ihr Fazit deckt sich mit den Einschätzungen der Unterzeichnenden des offenen Briefes an die EU-Kommission: Gentechnische Eingriffe lösen die grundlegenden Probleme der Tierhaltung nicht – vielmehr besteht die Gefahr, dass bestehende Fehlentwicklungen weiter verstärkt werden.