Im Oktober 2025 trafen Mitglieder der IUCN, des weltweit einflussreichsten Dachverbandes von Naturschutzorganisationen anlässlich ihres achten Kongresses in Abu Dhabi eine besorgniserregende Entscheidung: Sie lehnten einen Antrag auf ein weltweites Moratorium für die Freisetzung gentechnisch veränderter Wildorganismen ab. Dies, obwohl es für eine derartige Öffnung weder ausreichende wissenschaftliche Grundlagen noch wirksame Sicherheitsvorschriften gibt und sich weltweit zahlreiche Organisation seit Jahren für ein Moratorium aussprechen. Besonders bedenklich: Künftig dürften auch Organismen freigesetzt werden, die mit der aggressiven gentechnischen Kettenreaktion Gene Drives entstanden sind.
Der Begriff „synthetische Biologie“ bezeichnet eine neue Generation gentechnischer Verfahren, deren Anwendung weit über landwirtschaftliche Kulturpflanzen hinausgeht. Mithilfe dieser Verfahren sollen einzelne Organismen und ganze Ökosysteme bewusst verändert werden. Beispiele für solche Anwendungen sind sich selbst verbreitende Impfstoffe zur Kontrolle der Tollwut bei Wildtieren oder Gene Drives zur Ausrottung von Malaria übertragenden Stechmücken. Auch die gentechnische Veränderung von gefährdeten Wildarten zum vorbeugenden Schutz vor Krankheiten oder die Wiederbelebung ausgestorbener Tierarten wie Mammuts, Dodos oder Tasmanische Tiger gehören zu den Vorhaben. Dabei könnten jedoch negative und unumkehrbare Kettenreaktionen in vielen Ökosystemen ausgelöst werden.
Die Mitglieder der Weltnaturschutzorganisation prüften zwei rivalisierende Anträge:
Ein Moratoriumsantrag forderte einen sofortigen Freisetzungsstopp (Moratorium) für synthetische Biologie in natürliche Ökosysteme im Sinne des Vorsorgeprinzips – bis alle Fragen der Umweltverträglichkeit, regulatorische Lücken sowie ethische und kulturelle Bedenken geklärt sind. Der Antrag der Befürwortenden machte sich dafür stark, dass die Technologie als Instrument des Naturschutzes anerkannt und im Einzelfall geprüft wird.
Die Hauptkritikpunkte der Unterstützenden eines Moratoriums umfassten:
- die Irreversibilität und Unkalkulierbarkeit von Technologien wie Gene Drives, die Arten dauerhaft verändern oder gar ausrotten können,
- die unumkehrbaren Kettenreaktionen in Ökosystemen, deren Folgen nicht absehbar sind,
- den fragwürdigen Paradigmenwechsel im Naturschutz, bei dem die Natur nicht mehr um ihrer selbst willen geschützt, sondern nach menschlichen Kriterien verschlimmbessert und als Versuchslabor missbraucht wird,
- den Widerspruch zu ethischen Werten, zum Recht auf Eingriffsfreiheit und zu traditionellen Wissenssystemen,
- die Ablenkung von den tatsächlichen Ursachen durch technologische Scheinlösungen.
Mit der Ablehnung eines Moratoriums billigt die IUCN die Gentechnik als mögliches Werkzeug im Naturschutz, dessen Risiken und versprochene Vorteile im Einzelfall gegeneinander abgewogen werden sollen. Damit nimmt sie mögliche irreversible Schäden in Kauf. Kritische Stimmen befürchten, dass die Naturschutzgemeinschaft durch die Entscheidung instrumentalisiert wird, um den Weg für den Einsatz von Hochrisikotechnologien in der Landwirtschaft und Bioökonomie zu ebnen.
Widerstand gross – aber nicht ausreichend
Die Entscheidung fiel schmerzhaft knapp aus. Für die Annahme des Antrags für ein Moratorium hätte es sowohl unter den Nichtregierungsorganisationen als auch unter den Regierungen eine Mehrheit gebraucht. Unter den NGOs erzielte der Antrag zwar eine deutliche Mehrheit (407 dafür, 323 dagegen). Bei den Regierungen fehlte lediglich eine einzige Stimme (87 dafür, 88 dagegen). Somit wurde der Antrag für ein Moratorium nur knapp nicht angenommen.
Immerhin haben die NGOs einige Formulierungen in der Motion 087 — der darauf abzielt, Leitlinien für den verantwortungsvollen Einsatz synthetischer Biologie im Naturschutz festzulegen — verbessern können.
Ein Entscheid mit viel Zukunftsbedenken. Anders als bei der Biodiversitätskonvention CBD ist das Moratorium bei der IUCN nun Geschichte. Da die IUCN jedoch keine verbindliche Konvention ist, gilt sie nicht unmittelbar. Hierfür müsste zunächst auch das CBD-Moratorium aufgehoben werden. Dies gilt es nun zu verhindern. Denn Belege dafür, dass diese Technologien tatsächlich zum Schutz oder zur Wiederherstellung der Natur beitragen, gibt es keine. Sie befinden sich noch im Versuchsstadium und sind unausgereift. Ihre Ergebnisse sind ungewiss, ihre Auswirkungen jedoch potenziell unumkehrbar. Somit könnten sie nicht nur die Ziele des Naturschutzes gefährden, sondern auch dessen Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit aufs Spiel setzen.
Deshalb positionierten sich bereits Tage vor der Entscheidung am 8. Oktober über 90 NGOs für das Moratorium – um das Vorsorgeprinzip zu wahren und den Druck auf Bestäuber und Natur nicht noch weiter zu erhöhen. Dem Aufruf haben sich auch renommierte Wissenschaftler:innen und Imkerverbände angeschlossen.
Tabubruch im Naturschutz – neue Eingriffe in die Evolution
Der Einsatz von Gentechnik würde einen radikalen Bruch mit dem traditionellen Naturschutz darstellen. Die IUCN hat sich in der Vergangenheit vorsichtig gegenüber solchen Technologien gezeigt. So forderte sie im Jahr 2004 ein Moratorium für die Freisetzung von GVO. Ihre Mitglieder lehnten 2016 den Einsatz von Gene Drives ab.
Ein im Mai 2019 veröffentlichter Bericht der Weltnaturschutzorganisation zur Beurteilung der synthetischen Biologie stiess jedoch auf heftige Kritik. In einem offenen Brief an den IUCN-Rat bemängelten internationale Organisationen – darunter auch die SAG — die fehlende Berücksichtigung kritischer Stimmen. Im Jahr 2020 forderten SWISSAID und die SAG als Teil eines grossen Bündnisses zivilgesellschaftlicher Organisationen den Bundesrat auf, sich für ein Gene-Drive-Moratorium zum Schutz der Biodiversität einzusetzen und somit das Vorsorgeprinzip zu stärken. Auch das Europäische Parlament positionierte sich im Juni 2020 für ein globales Moratorium für Freisetzungen von gentechnisch veränderten Organismen in die Natur, einschliesslich Feldversuchen. Beim letzten Kongress im Jahr 2021 wurde eine diesbezügliche Entscheidung jedoch von den Organisationen verschoben. Stattdessen forderten sie einen inklusiven, partizipativen Prozess zur Entwicklung einer IUCN-Politik zur Gentechnik im Naturschutz.
Die aktuellen Abstimmungsergebnisse haben zwar noch keine konkreten rechtlichen Konsequenzen, zeigen aber eine gefährliche Tendenz zur Öffnung gegenüber dem Einsatz von synthetischer Biologie in der Natur. Da Entscheide der IUCN häufig als Grundlage für internationale Verhandlungen oder die nationale Gesetzgebung dienen, sind diese Entwicklungen besonders besorgniserregend.
Für eine zukunftsfähige Naturschutzpolitik
Die möglichen Auswirkungen der aktuellen Öffnung gegenüber spektakulären, technologischen Scheinlösungen auf unsere ohnehin angeschlagenen Ökosysteme sind nicht absehbar. Die Einführung künstlich erzeugter Gentechorganismen in die Natur lenkt von nachhaltigen Lösungen ab und ignoriert die Wechselwirkungen innerhalb von Ökosystemen. Ob dies mit den Werten und Prinzipien des Artenschutzes vereinbar ist, ist mehr als fraglich.
Stattdessen sollte das Vorsorgeprinzip weiterhin als Leitprinzip im Naturschutz gelten – wie es zahlreiche Naturschutzorganisationen seit Langem fordern. Die Zukunft sollte ganzheitlichen Ansätzen gehören, die auch die Ursachen des Artenschwunds und nicht nur seine Symptome bekämpfen.
Weiterführende Links:
- Zum Fokusartikel Gentechnik im Naturschutz https://gentechfrei.ch/anwendungsbereiche/tiere/genomeditierung-im-naturschutz/
- Zur SAG Tierstudie/Kapitel Naturschutz: gentechfrei.ch/tierstudie