Mehrere Studien zeigen, dass sich Schädlinge, die gegen die von gentechnisch veränderten Pflanzen produzierten Bt-Insektengifte resistent werden, schneller ausbreiten können. Der Grund dafür ist eine Veränderung ihrer Flügelform, die es ihnen ermöglicht, weiter zu fliegen. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass noch mehr Insektengifte eingesetzt werden müssen.
Ob alte oder neue Gentechnik: Solche Risiken werden in experimentellen Feldversuchen auf kleinen Flächen leicht übersehen. Oft werden sie erst nach längerem Anbau auf grossen Flächen sichtbar, lassen sich dann aber kaum noch rückgängig machen. Das gefährdet nicht nur die landwirtschaftlichen Erträge, sondern belastet auch die Umwelt – etwa wenn doch wieder mehr Pestizide versprüht werden müssen.
Mittels Gentechnik wird das Gen aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis in das Erbgut von zahlreichen Nutzpflanzen eingefügt. Dadurch produzieren sie ein Gift, das die Larven diverser Frassinsekten abtötet, die sich von solchen Pflanzen ernähren. Das Ziel: den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Zu diesen Schädlingen zählen unter anderem der Herbst-Heerwurm (Spodoptera frugiperda) und der Maiswurzelbohrer – beide Maisschädlinge — der Baumwollkapselwurm (Helicoverpa zea) sowie die Zuckkerübeneule (Spodoptera exigua). Fressen sie von den sogenannten Bt-Pflanzen, sterben sie — zumindest theoretisch. Denn jene Individuen, die das Gift überleben, vermehren sich weiter und geben die Resistenz an ihre Nachkommen weiter. Wie Forschende der Universitäten von Tennessee und Wollongong zeigen, können sie sogar einen Fitnessvorteil entwickeln: eine veränderte Flügelform, die einen grösseren Flugradius ermöglicht – dies oft schon nach nur einer Generation. Somit wird der ursprüngliche gute Vorsatz der Pestizidreduktion unterlaufen. Auch Modelle für Anbauempfehlungen und Spritzprogramme verlieren an Gültigkeit — da die neue Generation neue Orte erobern kann, die bisher unerreichbar waren und somit nicht in die Planung einbezogen wurden.
Auch bei der neuen Gentechnik sind vergleichbare Folgen und Risiken zu erwarten – zumal die angestrebten Eigenschaften häufig dieselben bleiben: Bt-Produktion, Herbizidtoleranz, Resistenzen, die auf einem oder wenigen Gene beruhen. Die öffentlich dominierende Darstellung von CRISPR/Cas als „präzises“ und „einfach kontrollierbares“ Werkzeug zur Bearbeitung des Genoms rückt mögliche Risiken in den Hintergrund und verharmlost sie. Diese Narrative konstruieren das Bild eines stabilen, klar abgrenzbaren und technisch beherrschbaren Gens.
Doch die Realität sieht anders aus, wie eine neue kritische Studie in der Fachzeitschrift Elemente zeigt. Die Autorinnen und Autoren präsentieren Erkenntnisse aus der Postgenomik – jener Forschungsphase nach dem Humangenomprojekt, die die komplexe Regulation, Vernetzung und Kontextabhängigkeit von Genen untersucht. Sie beschreiben das Gen als komplex, überlappend, regulativ verschränkt und funktional umstritten. Aufgrund dieser biologischen Komplexität sind Vorhersagen über beabsichtigte wie unbeabsichtigte Effekte von Eingriffen mit CRISPR/Cas mit erheblichen Unsicherheiten behaftet.
Die Studie zeigt, wie die vereinfachenden Präzisionsnarrative sowohl die Risikowahrnehmung als auch Governance-Debatten verzerren und dadurch Polarisierung fördern – ähnlich wie in früheren Auseinandersetzungen um die Gentechnik. Leidtragende sind Landwirtschaft, Umwelt und Gesundheit.
Für nachhaltige Lösungen jenseits der wirtschaftlichen Interessen weniger Grosskonzernen braucht es daher eine offene Diskussion, die anerkennt, dass Gene keine einfachen Schalter sind, sondern Teil komplexer biologischer Zusammenhänge – und dass gentechnische Eingriffe Folgen haben können, die über das ursprünglich beabsichtigte Ziel hinausgehen. Eine Risikoprüfung im Einzelfall, die auch Langzeitfolgen berücksichtigt, ist daher unabdingbar.