Untersuchungen zeigen, dass Frassinsekten sich bei Anbau von Gentechnik-Pflanzen rascher ausbreiten können. (Bild: USGS Bee Inventory and Monitoring Lab / Wikimedia Commons)

Meh­re­re Stu­di­en zei­gen, dass sich Schäd­lin­ge, die gegen die von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen pro­du­zier­ten Bt-Insek­ten­gif­te resi­stent wer­den, schnel­ler aus­brei­ten kön­nen. Der Grund dafür ist eine Ver­än­de­rung ihrer Flü­gel­form, die es ihnen ermög­licht, wei­ter zu flie­gen. Im schlimm­sten Fall kann das dazu füh­ren, dass noch mehr Insek­ten­gif­te ein­ge­setzt wer­den müs­sen.

Ob alte oder neue Gen­tech­nik: Sol­che Risi­ken wer­den in expe­ri­men­tel­len Feld­ver­su­chen auf klei­nen Flä­chen leicht über­se­hen. Oft wer­den sie erst nach län­ge­rem Anbau auf gros­sen Flä­chen sicht­bar, las­sen sich dann aber kaum noch rück­gän­gig machen. Das gefähr­det nicht nur die land­wirt­schaft­li­chen Erträ­ge, son­dern bela­stet auch die Umwelt – etwa wenn doch wie­der mehr Pesti­zi­de ver­sprüht wer­den müs­sen.

Mit­tels Gen­tech­nik wird das Gen aus dem Boden­bak­te­ri­um Bacil­lus thu­rin­gi­en­sis in das Erb­gut von zahl­rei­chen Nutz­pflan­zen ein­ge­fügt. Dadurch pro­du­zie­ren sie ein Gift, das die Lar­ven diver­ser Frass­in­sek­ten abtö­tet, die sich von sol­chen Pflan­zen ernäh­ren. Das Ziel: den Ein­satz von Pesti­zi­den zu redu­zie­ren. Zu die­sen Schäd­lin­gen zäh­len unter ande­rem der Herbst-Heer­wurm (Spod­op­te­ra fru­gi­per­da) und der Mais­wur­zel­boh­rer – bei­de Mais­schäd­lin­ge — der Baum­woll­kap­sel­wurm (Heli­co­ver­pa zea) sowie die Zuck­ker­übeneu­le (Spod­op­te­ra exi­gua). Fres­sen sie von den soge­nann­ten Bt-Pflan­zen, ster­ben sie — zumin­dest theo­re­tisch. Denn jene Indi­vi­du­en, die das Gift über­le­ben, ver­meh­ren sich wei­ter und geben die Resi­stenz an ihre Nach­kom­men wei­ter. Wie For­schen­de der Uni­ver­si­tä­ten von Ten­nes­see und Wol­lon­gong zei­gen, kön­nen sie sogar einen Fit­ness­vor­teil ent­wickeln: eine ver­än­der­te Flü­gel­form, die einen grös­se­ren Flug­ra­di­us ermög­licht – dies oft schon nach nur einer Gene­ra­ti­on. Somit wird der ursprüng­li­che gute Vor­satz der Pesti­zid­re­duk­ti­on unter­lau­fen. Auch Model­le für Anbau­emp­feh­lun­gen und Spritz­pro­gram­me ver­lie­ren an Gül­tig­keit — da die neue Gene­ra­ti­on neue Orte erobern kann, die bis­her uner­reich­bar waren und somit nicht in die Pla­nung ein­be­zo­gen wur­den.

Auch bei der neu­en Gen­tech­nik sind ver­gleich­ba­re Fol­gen und Risi­ken zu erwar­ten – zumal die ange­streb­ten Eigen­schaf­ten häu­fig die­sel­ben blei­ben: Bt-Pro­duk­ti­on, Her­bi­zid­to­le­ranz, Resi­sten­zen, die auf einem oder weni­gen Gene beru­hen. Die öffent­lich domi­nie­ren­de Dar­stel­lung von CRISPR/Cas als „prä­zi­ses“ und „ein­fach kon­trol­lier­ba­res“ Werk­zeug zur Bear­bei­tung des Genoms rückt mög­li­che Risi­ken in den Hin­ter­grund und ver­harm­lost sie. Die­se Nar­ra­ti­ve kon­stru­ie­ren das Bild eines sta­bi­len, klar abgrenz­ba­ren und tech­nisch beherrsch­ba­ren Gens.

Doch die Rea­li­tät sieht anders aus, wie eine neue kri­ti­sche Stu­die in der Fach­zeit­schrift Ele­men­te zeigt. Die Autorin­nen und Autoren prä­sen­tie­ren Erkennt­nis­se aus der Post­ge­no­mik – jener For­schungs­pha­se nach dem Human­ge­nom­pro­jekt, die die kom­ple­xe Regu­la­ti­on, Ver­net­zung und Kon­text­ab­hän­gig­keit von Genen unter­sucht. Sie beschrei­ben das Gen als kom­plex, über­lap­pend, regu­la­tiv ver­schränkt und funk­tio­nal umstrit­ten. Auf­grund die­ser bio­lo­gi­schen Kom­ple­xi­tät sind Vor­her­sa­gen über beab­sich­tig­te wie unbe­ab­sich­tig­te Effek­te von Ein­grif­fen mit CRISPR/Cas mit erheb­li­chen Unsi­cher­hei­ten behaf­tet.

Die Stu­die zeigt, wie die ver­ein­fa­chen­den Prä­zi­si­ons­nar­ra­ti­ve sowohl die Risi­ko­wahr­neh­mung als auch Gover­nan­ce-Debat­ten ver­zer­ren und dadurch Pola­ri­sie­rung för­dern – ähn­lich wie in frü­he­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Gen­tech­nik. Leid­tra­gen­de sind Land­wirt­schaft, Umwelt und Gesund­heit.

Für nach­hal­ti­ge Lösun­gen jen­seits der wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen weni­ger Gross­kon­zer­nen braucht es daher eine offe­ne Dis­kus­si­on, die aner­kennt, dass Gene kei­ne ein­fa­chen Schal­ter sind, son­dern Teil kom­ple­xer bio­lo­gi­scher Zusam­men­hän­ge – und dass gen­tech­ni­sche Ein­grif­fe Fol­gen haben kön­nen, die über das ursprüng­lich beab­sich­tig­te Ziel hin­aus­ge­hen. Eine Risi­ko­prü­fung im Ein­zel­fall, die auch Lang­zeit­fol­gen berück­sich­tigt, ist daher unab­ding­bar.

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