Knappes Votum: Spaltung innerhalb der IUCN-Mitgliedschaft (Bild: IUCN/Marcus Rose/Workers Photos)

IUCN setzt auf Gentechnik in der Natur statt auf Vorsorge 

Im Okto­ber 2025 tra­fen Mit­glie­der der IUCN, des welt­weit ein­fluss­reich­sten Dach­ver­ban­des von Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen anläss­lich ihres ach­ten Kon­gres­ses in Abu Dha­bi eine besorg­nis­er­re­gen­de Ent­schei­dung: Sie lehn­ten einen Antrag auf ein welt­wei­tes Mora­to­ri­um für die Frei­set­zung gen­tech­nisch ver­än­der­ter Wild­or­ga­nis­men ab. Dies, obwohl es für eine der­ar­ti­ge Öff­nung weder aus­rei­chen­de wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen noch wirk­sa­me Sicher­heits­vor­schrif­ten gibt und sich welt­weit zahl­rei­che Orga­ni­sa­ti­on seit Jah­ren für ein Mora­to­ri­um aus­spre­chen. Beson­ders bedenk­lich: Künf­tig dürf­ten auch Orga­nis­men frei­ge­setzt wer­den, die mit der aggres­si­ven gen­tech­ni­schen Ket­ten­re­ak­ti­on Gene Dri­ves ent­stan­den sind.

Der Begriff „syn­the­ti­sche Bio­lo­gie“ bezeich­net eine neue Gene­ra­ti­on gen­tech­ni­scher Ver­fah­ren, deren Anwen­dung weit über land­wirt­schaft­li­che Kul­tur­pflan­zen hin­aus­geht. Mit­hil­fe die­ser Ver­fah­ren sol­len ein­zel­ne Orga­nis­men und gan­ze Öko­sy­ste­me bewusst ver­än­dert wer­den. Bei­spie­le für sol­che Anwen­dun­gen sind sich selbst ver­brei­ten­de Impf­stof­fe zur Kon­trol­le der Toll­wut bei Wild­tie­ren oder Gene Dri­ves zur Aus­rot­tung von Mala­ria über­tra­gen­den Stech­mücken. Auch die gen­tech­ni­sche Ver­än­de­rung von gefähr­de­ten Wild­ar­ten zum vor­beu­gen­den Schutz vor Krank­hei­ten oder die Wie­der­be­le­bung aus­ge­stor­be­ner Tier­ar­ten wie Mam­muts, Dodos oder Tas­ma­ni­sche Tiger gehö­ren zu den Vor­ha­ben. Dabei könn­ten jedoch nega­ti­ve und unum­kehr­ba­re Ket­ten­re­ak­tio­nen in vie­len Öko­sy­ste­men aus­ge­löst wer­den.

Die Mit­glie­der der Welt­na­tur­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on prüf­ten zwei riva­li­sie­ren­de Anträ­ge:

Ein Mora­to­ri­ums­an­trag for­der­te einen sofor­ti­gen Frei­set­zungs­stopp (Mora­to­ri­um) für syn­the­ti­sche Bio­lo­gie in natür­li­che Öko­sy­ste­me im Sin­ne des Vor­sor­ge­prin­zips – bis alle Fra­gen der Umwelt­ver­träg­lich­keit, regu­la­to­ri­sche Lücken sowie ethi­sche und kul­tu­rel­le Beden­ken geklärt sind. Der Antrag der Befür­wor­ten­den mach­te sich dafür stark, dass die Tech­no­lo­gie als Instru­ment des Natur­schut­zes aner­kannt und im Ein­zel­fall geprüft wird.

Die Haupt­kri­tik­punk­te der Unter­stüt­zen­den eines Mora­to­ri­ums umfass­ten:

  • die Irrever­si­bi­li­tät und Unkal­ku­lier­bar­keit von Tech­no­lo­gien wie Gene Dri­ves, die Arten dau­er­haft ver­än­dern oder gar aus­rot­ten kön­nen,
  • die unum­kehr­ba­ren Ket­ten­re­ak­tio­nen in Öko­sy­ste­men, deren Fol­gen nicht abseh­bar sind,
  • den frag­wür­di­gen Para­dig­men­wech­sel im Natur­schutz, bei dem die Natur nicht mehr um ihrer selbst wil­len geschützt, son­dern nach mensch­li­chen Kri­te­ri­en ver­schlimm­bes­sert und als Ver­suchs­la­bor miss­braucht wird,
  • den Wider­spruch zu ethi­schen Wer­ten, zum Recht auf Ein­griffs­frei­heit und zu tra­di­tio­nel­len Wis­sens­sy­ste­men,
  • die Ablen­kung von den tat­säch­li­chen Ursa­chen durch tech­no­lo­gi­sche Schein­lö­sun­gen.

Mit der Ableh­nung eines Mora­to­ri­ums bil­ligt die IUCN die Gen­tech­nik als mög­li­ches Werk­zeug im Natur­schutz, des­sen Risi­ken und ver­spro­che­ne Vor­tei­le im Ein­zel­fall gegen­ein­an­der abge­wo­gen wer­den sol­len. Damit nimmt sie mög­li­che irrever­si­ble Schä­den in Kauf. Kri­ti­sche Stim­men befürch­ten, dass die Natur­schutz­ge­mein­schaft durch die Ent­schei­dung instru­men­ta­li­siert wird, um den Weg für den Ein­satz von Hoch­ri­si­ko­tech­no­lo­gien in der Land­wirt­schaft und Bio­öko­no­mie zu ebnen.

Wider­stand gross – aber nicht aus­rei­chend

Die Ent­schei­dung fiel schmerz­haft knapp aus. Für die Annah­me des Antrags für ein Mora­to­ri­um hät­te es sowohl unter den Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen als auch unter den Regie­run­gen eine Mehr­heit gebraucht. Unter den NGOs erziel­te der Antrag zwar eine deut­li­che Mehr­heit (407 dafür, 323 dage­gen). Bei den Regie­run­gen fehl­te ledig­lich eine ein­zi­ge Stim­me (87 dafür, 88 dage­gen). Somit wur­de der Antrag für ein Mora­to­ri­um nur knapp nicht ange­nom­men.

Immer­hin haben die NGOs eini­ge For­mu­lie­run­gen in der Moti­on 087 — der dar­auf abzielt, Leit­li­ni­en für den ver­ant­wor­tungs­vol­len Ein­satz syn­the­ti­scher Bio­lo­gie im Natur­schutz fest­zu­le­gen — ver­bes­sern kön­nen.

Ein Ent­scheid mit viel Zukunfts­be­den­ken. Anders als bei der Bio­di­ver­si­täts­kon­ven­ti­on CBD ist das Mora­to­ri­um bei der IUCN nun Geschich­te. Da die IUCN jedoch kei­ne ver­bind­li­che Kon­ven­ti­on ist, gilt sie nicht unmit­tel­bar. Hier­für müss­te zunächst auch das CBD-Mora­to­ri­um auf­ge­ho­ben wer­den. Dies gilt es nun zu ver­hin­dern. Denn Bele­ge dafür, dass die­se Tech­no­lo­gien tat­säch­lich zum Schutz oder zur Wie­der­her­stel­lung der Natur bei­tra­gen, gibt es kei­ne. Sie befin­den sich noch im Ver­suchs­sta­di­um und sind unaus­ge­reift. Ihre Ergeb­nis­se sind unge­wiss, ihre Aus­wir­kun­gen jedoch poten­zi­ell unum­kehr­bar. Somit könn­ten sie nicht nur die Zie­le des Natur­schut­zes gefähr­den, son­dern auch des­sen Glaub­wür­dig­keit in der Öffent­lich­keit aufs Spiel set­zen.

Des­halb posi­tio­nier­ten sich bereits Tage vor der Ent­schei­dung am 8. Okto­ber über 90 NGOs für das Mora­to­ri­um – um das Vor­sor­ge­prin­zip zu wah­ren und den Druck auf Bestäu­ber und Natur nicht noch wei­ter zu erhö­hen. Dem Auf­ruf haben sich auch renom­mier­te Wissenschaftler:innen und Imker­ver­bän­de ange­schlos­sen.

Tabu­bruch im Natur­schutz – neue Ein­grif­fe in die Evo­lu­ti­on

Der Ein­satz von Gen­tech­nik wür­de einen radi­ka­len Bruch mit dem tra­di­tio­nel­len Natur­schutz dar­stel­len. Die IUCN hat sich in der Ver­gan­gen­heit vor­sich­tig gegen­über sol­chen Tech­no­lo­gien gezeigt. So for­der­te sie im Jahr 2004 ein Mora­to­ri­um für die Frei­set­zung von GVO. Ihre Mit­glie­der lehn­ten 2016 den Ein­satz von Gene Dri­ves ab.

Ein im Mai 2019 ver­öf­fent­lich­ter Bericht der Welt­na­tur­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on zur Beur­tei­lung der syn­the­ti­schen Bio­lo­gie stiess jedoch auf hef­ti­ge Kri­tik. In einem offe­nen Brief an den IUCN-Rat bemän­gel­ten inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen – dar­un­ter auch die SAG — die feh­len­de Berück­sich­ti­gung kri­ti­scher Stim­men. Im Jahr 2020 for­der­ten SWISSAID und die SAG als Teil eines gros­sen Bünd­nis­ses zivil­ge­sell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen den Bun­des­rat auf, sich für ein Gene-Dri­ve-Mora­to­ri­um zum Schutz der Bio­di­ver­si­tät ein­zu­set­zen und somit das Vor­sor­ge­prin­zip zu stär­ken. Auch das Euro­päi­sche Par­la­ment posi­tio­nier­te sich im Juni 2020 für ein glo­ba­les Mora­to­ri­um für Frei­set­zun­gen von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Orga­nis­men in die Natur, ein­schliess­lich Feld­ver­su­chen. Beim letz­ten Kon­gress im Jahr 2021 wur­de eine dies­be­züg­li­che Ent­schei­dung jedoch von den Orga­ni­sa­tio­nen ver­scho­ben. Statt­des­sen for­der­ten sie einen inklu­si­ven, par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess zur Ent­wick­lung einer IUCN-Poli­tik zur Gen­tech­nik im Natur­schutz.

Die aktu­el­len Abstim­mungs­er­geb­nis­se haben zwar noch kei­ne kon­kre­ten recht­li­chen Kon­se­quen­zen, zei­gen aber eine gefähr­li­che Ten­denz zur Öff­nung gegen­über dem Ein­satz von syn­the­ti­scher Bio­lo­gie in der Natur. Da Ent­schei­de der IUCN häu­fig als Grund­la­ge für inter­na­tio­na­le Ver­hand­lun­gen oder die natio­na­le Gesetz­ge­bung die­nen, sind die­se Ent­wick­lun­gen beson­ders besorg­nis­er­re­gend.

Für eine zukunfts­fä­hi­ge Natur­schutz­po­li­tik

Die mög­li­chen Aus­wir­kun­gen der aktu­el­len Öff­nung gegen­über spek­ta­ku­lä­ren, tech­no­lo­gi­schen Schein­lö­sun­gen auf unse­re ohne­hin ange­schla­ge­nen Öko­sy­ste­me sind nicht abseh­bar. Die Ein­füh­rung künst­lich erzeug­ter Gent­ech­or­ga­nis­men in die Natur lenkt von nach­hal­ti­gen Lösun­gen ab und igno­riert die Wech­sel­wir­kun­gen inner­halb von Öko­sy­ste­men. Ob dies mit den Wer­ten und Prin­zi­pi­en des Arten­schut­zes ver­ein­bar ist, ist mehr als frag­lich.

Statt­des­sen soll­te das Vor­sor­ge­prin­zip wei­ter­hin als Leit­prin­zip im Natur­schutz gel­ten – wie es zahl­rei­che Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen seit Lan­gem for­dern. Die Zukunft soll­te ganz­heit­li­chen Ansät­zen gehö­ren, die auch die Ursa­chen des Arten­schwunds und nicht nur sei­ne Sym­pto­me bekämp­fen.

 

Wei­ter­füh­ren­de Links:

  • Zum Fokus­ar­ti­kel Gen­tech­nik im Natur­schutz https://gentechfrei.ch/anwendungsbereiche/tiere/genomeditierung-im-naturschutz/
  • Zur SAG Tierstudie/Kapitel Natur­schutz: gentechfrei.ch/tierstudie

 

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