Die Umweltorganisation Friends of the Earth (FoE) hat einen neuen Bericht zu gentechnisch veränderten Nutztieren veröffentlicht. Darin kommt sie zum Schluss, dass Gentechnik die grundlegenden Probleme der industriellen Tierhaltung nicht löst, sondern das bestehende System weiter zementiert. Anstatt die Ursachen von Tierleid, Krankheiten oder Umweltbelastungen anzugehen, würden Tiere genetisch so verändert, dass sie die Bedingungen der Massentierhaltung besser ertragen. Der Bericht warnt zudem vor Risiken für Tierwohl, Umwelt und Gesundheit sowie vor erheblichen Lücken in der Regulierung. Doch nicht nur bei Nutztieren kommt die neue Gentechnik zum Einsatz – mehr dazu in der SAG-Studie «Gentechnik bei Tieren».
Die Veröffentlichung erfolgt zu einem politisch brisanten Zeitpunkt. Nachdem die EU-Kommission eine weitgehende Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren bei Pflanzen vorgeschlagen hat und auch Mikroorganismen zunehmend in den Fokus rücken, zeichnet sich ab, dass regulatorische Erleichterungen auch bei gentechnisch veränderten Nutztieren nicht fern sind. Damit tauchen grundlegende Fragen zum Tierwohl, zur Lebensmittelsicherheit und zur Transparenz für Konsumentinnen und Konsumenten auf.
Intensivierung – als Tierwohlmassnahme getarnt
Gentechnisch veränderte Tiere werden für unterschiedlichste Zwecke entwickelt. Dazu gehören unter anderem besonders muskulöse Rinder, Schafe und Schweine, gegen die Schweinekrankheit PRRS resistente Schweine sowie gentechnisch veränderte Hühner, die Eier ohne bestimmte Allergene produzieren sollen. Vieles geschieht unter dem Motto «Mehr Tierwohl». Tatsächlich zielen solche Entwicklungen jedoch vor allem darauf ab, Tiere zu schaffen, die unter den beengten und belastenden Bedingungen der industriellen Tierhaltung besser überleben und noch mehr Leistung erbringen.
Industrielle Tierhaltung – ein Systemproblem
Die industrielle Tierhaltung verursacht einen enormen Verbrauch an Land, Wasser, Energie sowie an (gentechnisch verändertem) Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln. Gleichzeitig zählt sie zu den wesentlichen Treibern des Klimawandels und belastet durch grosse Mengen an Gülle unsere Luft und Gewässer. Der routinemässige Einsatz von Antibiotika, der es Tieren ermöglicht, unter den oft unhygienischen Bedingungen der Massentierhaltung zu überleben, trägt zudem zur zunehmenden Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen bei – einem der drängendsten Probleme für die öffentliche Gesundheit. Diese Probleme löst die neue Gentechnik nicht, im Gegenteil: Sie zementiert sie und bremst einen Systemwechsel hin zu Nachhaltigkeit aus.
Neue Risiken
Gleichzeitig können gentechnisch veränderte Nutztiere neue Risiken mit sich bringen – etwa im Zusammenhang mit Antibiotikaresistenzen, der Evolution von Viren, der Lebensmittelsicherheit und den Auswirkungen auf Ökosysteme. Hierbei verweist der Bericht auf wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach auch die neue Gentechnik unbeabsichtigte Veränderungen im Erbgut hervorrufen kann. Solche Nichtzieleffekte (Off-Target-Effekte) können weitere unvorhersehbare Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere haben. Krankheitsresistente Tiere seien keine risikofreie Lösung: Sie könnten den evolutionären Druck auf Krankheitserreger erhöhen und damit die Entstehung aggressiverer oder leichter übertragbarer Viren begünstigen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Berichts betrifft die Regulierung. Friends of the Earth bemängelt, dass die Aufsicht in den USA auf mehrere Behörden verteilt ist und sich die Zulassungsverfahren weitgehend auf Daten der Unternehmen stützen. Unabhängige wissenschaftliche Prüfungen, Transparenz und eine wirksame öffentliche Beteiligung kämen dabei zu kurz.
Die Organisation fordert deshalb unter anderem einen Zulassungsstopp für gentechnisch veränderte Tiere, bis umfassende unabhängige Sicherheitsprüfungen vorliegen, eine klare Kennzeichnung entsprechender Lebensmittel sowie Investitionen in agrarökologische und tiergerechte Haltungssysteme statt in technologische Lösungen für die industrielle Tierproduktion.
Nicht nur Nutztiere: Forschung, Hobbyhaltung und Naturschutz auch betroffen
Diese Entwicklungen beschränken sich längst nicht mehr auf Nutztiere. Weltweit werden Tiere für verschiedene Zwecke zunehmend gentechnisch verändert – von leistungsfähigeren Sporttieren über Versuchstiere für medizinische Anwendungen wie die Xenotransplantation bis zu Naturschutz- oder Forschungszwecken. Auch in diesen Bereichen lässt sich ein regelrechter Boom beobachten, der zahlreiche ethische Fragen aufwirft und vielfach mit zusätzlichem Tierleid einhergeht. Welche Anwendungen angestrebt werden und welche Risiken und ethische Bedenken damit verbunden sind, zeigt die Studie «Gentechnik bei Tieren» der Schweizer Allianz Gentechfrei.
Jetzt stoppen!
Angesichts dieser Entwicklung ist es wichtig, dass die Schweiz am Vorsorgeprinzip festhält und ihren gentechfreien Weg konsequent weiterverfolgt. Sie darf weder eine Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren bei Pflanzen nach dem Vorbild der EU übernehmen noch den Weg für gentechnisch veränderte Tiere ebnen. Nur so lassen sich Transparenz und Wahlfreiheit für Konsumentinnen und Konsumenten sichern sowie Risiken für Tiere, Umwelt und Landwirtschaft vermeiden und eine nachhaltige, tiergerechte Landwirtschaft fördern.