Neue gentechnische Verfahren

neue GV Verfahrenx
Modell einer CRISPR/Cas9 Editierung bei Streptococcus pyogenes, Bild: clipdealer

Gegenwärtig wird verstärkt über die kommerzielle Nutzung von neuen gentechnischen Verfahren bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren diskutiert. Dabei handelt es sich um verschiedene Verfahren, wie beispielsweise die ZFN-, TALEN- oder CRISPR/Cas9-Technik, bei denen Gen-Scheren zum Einsatz kommen oder direkte Eingriffe in die Genregulierung vorgenommen werden.

Es bestehen widersprüchliche Rechtsauffassungen, ob diese Methoden in den Geltungsbereich der Gentechnik Gesetzgebung fallen oder nicht. Die Biotech-Industrie fordert, diese Verfahren von der Gentechnikregulierung auszunehmen. Zwei neue Gutachten in Deutschland kommen hingegen zum Schluss, dass diese Techniken unter den Geltungsbereich der EU-Gentechnik Gesetzgebung fallen.

Das Potential zur Veränderung des Erbgutes geht bei den neuen Techniken über das der bisherigen gentechnischen Verfahren hinaus. Die Grenzen der Machbarkeit und der Beeinflussung des Erbmaterials werden deutlich verschoben.

Die neuen gentechnischen Verfahren werden zunehmend auch zur genetischen Veränderung von Modelltieren für die Grundlagenforschung und von Nutztieren eingesetzt. Fachleute rechnen mit einem dramatischen Anstieg der Anzahl Gentech-Tiere.

 


170203apfelWie gesund sind Äpfel, die sich nicht mehr braun verfärben? Bild: Fotolia

Im Februar könnten vorgeschnittene Schnitze des ersten Gentech-Apfels in die Regale amerikanischer Lebensmittelgeschäfte gelangen. Der “Arctic Apple” wurde gentechnisch so verändert, dass er sich nicht mehr braun verfärbt, wenn er aufgeschnitten wird. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um die Zulassung möchten die Anbieter mit einem beschränkten Verkaufsstart den Markt testen. Sowohl Befürworter wie Gegner der Gentechnik sind der Ansicht, dass der „Arctic Apple“ über Erfolg oder Misserfolg zukünftiger Gentechprodukte auf dem amerikanischen Markt entscheiden könnte. Kritiker werfen dem Landwirtschaftsministerium vor, es habe im Laufe des Zulassungsverfahren nicht alle Sicherheitsaspekte genügend überprüft. So fehlen Untersuchungen, welchen Einfluss die gentechnische Modifikation auf die natürliche Abwehrkraft der Apfelbäume haben könnte. Mit dem Ausbleiben der Verfärbung fehlt für die Konsumierenden zudem ein verlässliches Beurteilungskriterium, wie frisch eine Frucht ist.

28012016 ifoam
Eine der neuen Editiertechniken CRISPR, Bild: Illustration von Sébastien Thibault

Die IFOAM EU, die Dachorganisation von über 330 Organisationen, Vereinigungen und Unternehmen des ökologischen Landbaus in Europa hat im Januar frühzeitig ein Positionspapier über die neuen Editiertechniken im Gentechnikbereich veröffentlicht. Das Papier geht der rechtlichen Interpretation der Europäischen Kommission voran, welche sich voraussichtlich im März 2016 dazu äussern wird. Die Vereinigung für biologische Landwirtschaft sieht weder legale, noch technische Gründe, das GVO-Recht bei den neuen gentechnischen Verfahren zu umgehen. Sie warnt vor wirtschaftlichen Einbussen, falls die europäische Kommission die Zulassung solcher GV-Produkte für den Markt ohne Prüfung bewilligt.

160825csslogo
Das Vorsorgeprinzip müsse über wirtschaftlichen Interessen stehen, fordern die Critical Scientists Switzerland.

Der Verein Critical Scientists Switzerland (CSS) wendet sich gegen die Forderung der Schweizer Akademien der Wissenschaften, dass neue gentechnische Verfahren in der Pflanzenzucht nicht unter das Gentechnikgesetz fallen sollen. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens über die Sicherheit der neuen gentechnischen Verfahren,“ schreibt CSS. Darüber hinaus fehlten (Langzeit-)Daten zu deren Risiken. CSS fordert, dass die neuen gentechnischen Verfahren vor einer kommerziellen Anwendung einer strengen Risikoprüfung unterzogen werden, wie sie das Gentechnikgesetz vorsieht. Sonst würden das Vorsorgeprinzip sowie die Wahlfreiheit der Konsumenten und Konsumentinnen untergraben.

160825pappeln
In Schweden sollen erstmals Bäume freigesetzt werden, die mit den neuen Gentechnik-Verfahren manipuliert wurden. Bild: AnRo0002

Gentechniker in China, den USA und Schweden arbeiten mit dem sogenannten CRISPR-Verfahren inzwischen auch an Waldbäumen. In Schweden wurden jetzt erste Freisetzungen mit derartigen Pappeln beantragt, die eine Reihe von Veränderungen in ihrem Erbgut aufweisen, die Blüte, Wachstum, Ausbildung von Ästen, Blättern und Wurzeln betreffen, berichtet Testbiotech. Ziel ist es, Bäume mit deutlich verändertem Wuchs und Aussehen zu schaffen. Die EU hat bislang noch keine klare Regelungen für Import und Freisetzung entsprechender Pflanzen und Tiere zu erlassen. „Aufgrund der zögerlichen Haltung der EU-Kommission drohen wir die Kontrolle über die Freisetzungen und den Import von Gentechnik-Organismen zu verlieren. Schon jetzt könnte der Import von nicht gekennzeichneten gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren aus den USA und China eine Realität sein. Zudem könnten sich Firmen und Forschungseinrichtungen in der EU dazu ermuntert fühlen, entsprechende Organismen ohne Genehmigung freizusetzen oder zu verkaufen“, sagt Christoph Then für Testbiotech. „Gentechnisch veränderte Waldbäume sind sogar ein besonderes Risiko für die biologische Vielfalt, da sich deren künstliches Erbgut in empfindlichen Ökosystemen ausbreiten kann“, so Then weiter.

180202eughDie neuen Gentechnikverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. Bild: Fotolia

Der Europäischen Gerichtshof muss momentan klären, ob Organismen, die mit neuen Gentechnik-Verfahren wie beispielsweise der Gen-Schere CRISPR/Cas entstanden sind, dem Gentechnikrecht unterliegen oder nicht. Mit Spannung war daher die Stellungnahme des Generalanwalts des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zu den neuen Gentechnik-Verfahren erwartet worden. Die nun vorliegende Stellungnahme des Generalanwalt bringt aber wenig Klärung. Er bekräftigt zwar, dass "ein durch Mutagenese gewonnener Organismus ein GVO sein könne» und das Einbringen fremder DNA in einen Organismus nicht erforderlich sei, damit ein Organismus als GVO eingestuft werden kann. Doch der Generalanwalt beantwortet die Frage des französischen Staatsrates nicht, wann Mutagenese als Gentechnik auszulegen sei und in welchen Fällen nicht. Er befasse sich nicht in der Sache mit den technischen Verfahren und ihren Anwendungen und Risiken, kritisiert Testbiotech. Seine Argumentation beruhe vielmehr zu großen Teilen auf zu generellen und zum Teil veralteten Kategorien, die zu erheblichen Rechtsunsicherheiten führen können.